Aktivistin: Bernadette La Hengst organisiert Theaterprojekte und Beschwerdechöre, gern auch in der Provinz. Beispiele stellt sie als Video vor. - © Ralf Bittner
Aktivistin: Bernadette La Hengst organisiert Theaterprojekte und Beschwerdechöre, gern auch in der Provinz. Beispiele stellt sie als Video vor. | © Ralf Bittner

Herford Bernadette La Hengst zu Gast im Elsbachhaus

Ein Leben als flüchtiges Exil

Ralf Bittner

Herford. Mit "Weltweit" und "Wherever I'm going", zwei fast programmatischen Titeln, eröffnet Bernadette La Hengst ihren Auftritt in der Reihe "Stadt-Land-Pop" im Elsbachhaus. In die Nähe ihrer Geburtsstadt Bad Salzuflen hat sie seit dem Wegzug 1987 seit Jahrzehnten nichts mehr gezogen. Sie ist "Everywhere at Home - überall zu Haus." Im Zug ist sie prompt an Herford vorbei gefahren, und scherzt darüber, was das tiefenpsychologisch über ihr Verhältnis zu Salzuflen und die Nachbarstadt sagt. Mit 20 ging sie zunächst nach Berlin, dann Hamburg, wo sie Teil der Frauenband "Die Braut haut ins Auge" wurde. "Wir bezeichneten uns nicht als Feministinnen, sondern wollten als Musikerinnen Musik für alle machen", erinnert sie sich, aber die zehn Bandjahre seien wichtiger Teil der Selbstermächtigung gewesen. "Der Bruch kam nach der Bandauflösung mit der Hinwendung zum politischen Aktivismus", sagt sie: "Dadurch haben sich Türen geöffnet, und die Welt ist jetzt Teil meiner Kunst. Kunst ist ein Tauschgeschäft mit der Welt." Sie sei oft gereist, aber als deutschsprachige Künstlerin meist im deutschsprachigen Raum. Das Goethe-Institut ermöglichte ihr 2014 eine Reise nach Hong Kong und Südchina. Ihre Erfahrungen als "Alien in Asien" liest sie aus einem unveröffentlichten Text, beschreibt den reglementierten Schulalltag und das Ausrasten von 500 Achtjährigen bei einem ihrer Auftritte. "Wenn man den richtigen Knopf drückt, rebelliert alles, und das ist gut so", fasst sie die Erfahrung zusammen. Dem unveröffentlichten Text folgen drei Texte über ihre im September zu Ende gegangene Café-Europa-Tour, eine musikalische Expedition auf der Suche nach Liebesliedern in Zeiten der Krise. Die "Königin der Trucker" machte sich im 7-Meter-Wohnmobil auf den Weg von Madrid nach Casablanca, traf Musiker und Musikerinnen. "Bands sind heute ökonomisch kaum noch möglich", sagt sie: "Alle arbeiten nur noch in Projekten." Auch La Hengst ist mit Beats aus dem Computer oft solo unterwegs, neuerdings wieder mit einer Bassistin. Auch sie arbeitet in Projekten und Kooperationen auf Zeit, organisiert Festivals wie das Hamburger "Ladyfest", arbeitet in Theaterproduktionen mit, organisiert Beschwerdechöre. Beispiele dieser Arbeit, mit denen Anwohner Forderungen an Stadtplaner formulieren, hat sie als Video auf dem PC dabei. Den Bildschirm hält sie den Zuhörern entgegen. Die Begegnungen in diesen Projekten inspirieren sie zu Songs. "Wem gehört die Parkbank" entstand so, und schlägt in kaum fünf Minuten den Bogen von der Verdrängung ungewollter Menschen durch Demontage von Parkbänken zur Frage nach den Besitzverhältnissen im Land. Brecht hätte es kaum besser gekonnt. Kaum vorstellbar, dass sie sich, als sie in den 1980er Jahren als einzige Frau zum Salzufler "Fast-Weltweit"-Label stieß, unsicher war, ob sie überhaupt Lieder schreiben wolle. Das Label war 1985 unter anderem von Bernd Begemann, Frank Spilker und Michael Girke gegründet worden und gilt als einer der kreativen Vorläufer der Hamburger Schule. Ein Song von Girke, der als Moderator durch den Abend führt, hat es ins Programm geschafft. "Das Dorf am Ende der Welt" beschreibt die Enge, die La Hengst das "fast" vor dem "weltweit" streichen und mit der Geburtsstadt brechen ließ. Ein (Auf-)Bruch, der sich gelohnt hat.

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