Philharmoniker: Søren Nils Eichberg zusammen mit dem Geiger Barnábas Kelemen bei den Proben vor dem Konzert. - © Frank-Michael Kiel-Steinkamp
Philharmoniker: Søren Nils Eichberg zusammen mit dem Geiger Barnábas Kelemen bei den Proben vor dem Konzert. | © Frank-Michael Kiel-Steinkamp

Herford Komponist Søren Nils Eichberg fordert Publikum beim NWD-Konzert

Abend mit zeitgenössischen und modernen Werken

Anna Mönks

Herford. Ein Konzertabend, herrlich! Einen Abend lang zurücklehnen und von einem wundervollen Orchester mit schöner Musik einlullen lassen. Entspannen, den Kopf ausschalten und die Gedanken schweifen lassen. Halt, stop! Wer am Freitagabend im Konzert der Nordwestdeutschen Philharmonie gewesen ist, der dürfte an dieser Stelle irritiert die Stirn runzeln, denn eines war der Konzertabend nicht: entspannend. Das älteste Werk stammte aus dem Jahr 1933, das jüngste von 2011. Der Dirigent des Abends, Søren Nils Eichberg, steuerte als Komponist mit "Endorphin" und "Qilaatersorneq" gleich zwei Stücke bei. Zwischen scharfen Rhythmen und Zwölftonmusik, Wohlklang und überschrittener Geräuschgrenze, war die Konzentration des Publikums gefordert. Wer sich der Herausforderung stellte, kam in den Genuss eines zwar nicht ent-, aber dafür hochspannenden Abends. Geiger Barnabás Kelemen widmete seine Interpretation des Violinkonzertes Nr. 2 von Béla Bartók seinem musikalischen Partner, dem Anfang November verstorbenen Pianisten und Dirigenten Zoltán Kocsis. Tatsächlich erschien der Solist über lange Strecken introvertiert, spielte in sich gekehrt, mehr für sich und zum Orchester als zum Publikum. In diesen Passagen fühlte man sich als Zuhörer wie als Zeuge eines intimen Augenblicks. Zwischen lyrischen Momenten und virtuosen Passagen Das konnten zarte, lyrische Momente sein, aber auch schwindelerregende, hochvirtuose Passagen, die Kelemen mit geradezu frecher Beiläufigkeit spielte, und die so eben nicht zur Pose wurden, sondern musikalisch an Bedeutung gewannen. Auf diese Weise wirkte es umso mehr, wenn Kelemen - durch ein kaum sichtbares Straffen der Haltung, ein minimales Zuwenden zum Publikum - aus seiner vollen Bühnenpräsenz und sattem Ton schöpfte. So schwankte die Musik zwischen diabolischem Furor und himmlischer Süße. Das Orchester brachte unter der agilen Leitung von Søren Nils Eichberg eine hellwache Leichtigkeit mit und ging jeden musikalischen Weg mit dem Solisten. Für Bravorufe und Fußgetrappel dankte Kelemen mit zwei Zugaben, mit denen er seinen Spaß an virtuosen Spielereien voll ausleben konnte: dem Presto aus Bartóks Solosonate und ("jetzt noch etwas Kurzes, Leichtes") einem Stück von Paganini. Im Orchester eine unerschöpfliche Vielfalt gefunden Jeweils zu Beginn der Konzerthälften standen Werke des Dirigenten Eichberg. Was in dem Violinkonzert schon unter seinen Händen anklang, zeigte sich auch in seinen eigenen Kompositionen: Eichberg spielt mit den Klangmöglichkeiten des Orchesters und findet eine schier unerschöpfliche Vielfalt. In "Endorphin" für Streich-quartett (Eugenia Graur, Ulrich Puppe, Burghard Teichert und Marion Vetter) und Kammerorchester führte das zu einem faszinierenden Über-einander unterschiedlicher Spieltechniken, gemischt mit schwierigen Rhythmen. "Qilaatersorneq" entwickelt sich aus einer schillernden Einleitung der Sologeige über einem endlosen Ton der Bratschen, der von weiteren Instrumenten aufgenommen wird, und aus dem sich das ganze Werk nach und nach entfaltet. Die Musiker spielten mit höchster Präzision, mäanderten mit Genuss zwischen Klang und Geräusch und rockten richtig. So macht zeitgenössische Musik Spaß. Solchermaßen in der Aufmerksamkeit gefordert konnte sich das Publikum zu Zoltán Kodálys "Tänzen aus Galanta" zurücklehnen und den üppigen Klang genießen. So wurde es dann doch noch entspannt in die Nacht entlassen.

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