Halten zusammen: Nicht nur für die Bereitschaftspflegeeltern, auch für deren Söhne gehören die Pflegekinder zur Familie. Die Gründe für die Notwendigkeit einer Pflege sind ebenso unterschiedlich wie die Kinder. - © Friderieke Schulz
Halten zusammen: Nicht nur für die Bereitschaftspflegeeltern, auch für deren Söhne gehören die Pflegekinder zur Familie. Die Gründe für die Notwendigkeit einer Pflege sind ebenso unterschiedlich wie die Kinder. | © Friderieke Schulz

Herford Familie auf Zeit: So helfen Pflegestellen Kindern in Not

Lucienne und Tomaso sind Bereitschaftspflegeeltern. Doch davon gibt es viel zu wenige. Warum das so ist, können beide nicht verstehen, denn Kinder bereichern ihr Leben

Friderieke Schulz

Herford. Maries Mutter ist krank. Deswegen kann sie sich nicht um ihre sechs Monate alte Tochter kümmern. "Mit zwölf Wochen kam sie als Notfall zu uns", sagt Lucienne. Gemeinsam mit ihrem Mann Tomaso arbeitet sie als Bereitschaftspflegestelle in Herford. Das Paar nimmt immer dann Kinder bei sich auf, wenn es niemanden in deren Familien gibt, der ein Kind in Notsituationen aufnehmen kann. Stellen wie diese sind rar, doch der Bedarf ist hoch. Die 39-Jährige und ihr Mann haben sich immer eine große Familie gewünscht. Zwei Söhne hat das Paar, weiteren eigenen Nachwuchs verwehrt ihnen eine Erkrankung. "Auf die Idee, Pflegekinder aufzunehmen und ihnen eine Familie zu geben, kamen wir durch Freunde, die ebenfalls eine Pflegestelle sind", erzählt Tomaso. Gemeinsam mit seiner Frau informierte sich der 37-Jährige genauer: "Bereits damals, so erzählten uns unsere Freunde, wurden dringend Bereitschaftspflegestellen gesucht." Die Schulung, zu der das Paar einmal pro Woche gehen musste, sorgte für die erste Ernüchterung. "Man wird dort unverblümt auf die Realität vorbereitet", sagt Tomaso und berichtet, dass es um die Einschätzung des Allgemeinzustandes der Kinder gehe. Gerade das Verhalten sexuell misshandelter Kinder machte den Vater von zwei Söhnen im Alter von 12 und 9 Jahren sprachlos: "So hat man sich vorher noch nie mit der Thematik befasst." Doch diese ausführlichen Schulungen sind notwendig, um die künftigen Pflegestellen vorzubereiten. Dennoch entschloss sich das Paar zu helfen und nahm vor drei Jahren das erste Kind auf. "Das war ein neunjähriger Junge, der stark vernachlässigt war. Eigentlich war uns ab diesem Zeitpunkt klar, dass wir das weiter machen werden", sagt Lucienne. Denn diese Kinder bräuchten in solchen Situationen besonderen Halt: "In einer Familie sind sie die Einzigen, in Heimen aber nur ein Kind unter vielen mit derartigen Problemen." Als Bereitschaftspflegestelle hat das Paar regelmäßig das Notfalltelefon bei sich. "Da ruft schon mal die Polizei an und bringt uns nachts Kinder", sagt Tomaso und sagt, dass jeder Fall anders ist: "Einmal war es, weil die Mutter ihren Rausch ausschlafen musste. Aber wir hatten auch schon ein Flüchtlingskind. Da haben wir herausgefunden, dass es taub ist. Ein anderes Mal haben wir einen Säugling nach einer anonymen Geburt aus dem Krankenhaus abgeholt." Natürlich seien viele traurige Fälle darunter. Bei der Ankunft der Kinder habe sie meist erst ein merkwürdiges Gefühl, schließlich sei es ein fremdes Kind, beschreibt die Herforderin die Situation. "Aber man schließt die Kleinen schnell ins Herz. Gerade die Kinder, die über einen längeren Zeitraum bleiben und zu denen wir eine Bindung aufgebaut haben, sind wie unsere eigenen. Wenn sie gehen, heulen wir alle", sagt Lucienne und ergänzt: "So schwer, wie es ist: Kinder gehören zu ihrer Mutter." Nicht immer sind es Härtefälle, die Pflege brauchen Häufig liegt dort aber nicht die Zukunft der Kinder, weiß Barbara Poppenborg vom Sozialdienst katholischer Frauen, der die Bereitschaftspflegestellen in Herford koordiniert. "Die meisten Kinder kommen nach der Bereitschaftspflegestelle in feste Pflegestellen, Heime oder Wohngruppen. Mehr als 50 Prozent kehren nicht wieder nach Hause zurück", sagt die Sozialpädagogin. Während ihrer Unterbringung in der Pflegefamilie sind die Kinder voll integriert. Das Sorgerecht bleibt während der gesamten Zeit beim Jugendamt oder den leiblichen Eltern: "Wir dürfen gar nichts. Sogar fürs Haareschneiden müssen wir um Erlaubnis nachfragen", sagt Lucienne. Zwischen Eltern und Pflegefamilie gibt es keinerlei Austausch. "Der Sozialdienst katholischer Frauen ist die Mittlerstelle. Nur dort können die leiblichen Eltern ihre Kinder sehen", sagt Tomaso. Anonymität wird groß geschrieben, deswegen wurden auch die Namen in diesem Artikel geändert. "Ich weiß, dass ich nicht darüber reden darf, weil es für die Kinder besser ist", sagt der neunjährige Giuliano. Sein älterer Bruder Marciano findet das Engagement seiner Eltern gut. "Vorher kannte ich das nur aus dem Fernsehen und habe mich gefragt, wie die Kinder so leben können. Aber deren Mama geht es oft einfach nicht gut", sagt der Zwölfjährige. Nach der Schule hilft er gern. Windeln wechseln ist für ihn kein Problem: "Das ist bei Babys eben so." Dadurch bekommt er auch die Not mit: "Manchmal sitzt ein Baby im Auto, wenn Mama mich von der Schule abholt. Das ist richtig spannend, zeigt aber auch, wie wichtig es ist, dass meine Eltern das machen." Das Paar schätzt vor allem, dass sie den Kindern helfen, einen stabilen Start ins Leben zu bekommen. "Gerade bei den Babys sind die ersten drei Monate Grundvertrauen enorm wichtig. Das wollen wir ihnen mitgeben, auch, wenn sie sich vielleicht später nicht mehr an uns erinnern." Zudem brächten die Kinder viel Freude ins Familienleben. "Unser Ziel ist es, ihnen eine unbeschwerte Kindheit zu ermöglichen, auch wenn es nur auf Raten ist. Wir wollen es dem Kind recht machen und seine Wünsche erfüllen." Doch nicht jedes Kind hat eine schlechte Zukunft vor sich. "Einmal hatte die Mutter einen Schlaganfall und musste sich nur im Krankenhaus auskurieren. Sie hatte einfach niemanden, der auf das Kind aufpassen konnte und war sehr dankbar", erzählt Lucienne. Die Entscheidung als Bereitschaftspflegestelle zu arbeiten, die übrigens finanziell vergütet wird, haben Lucienne und Tomaso nie bereut. "Ich kann es nur empfehlen, denn jedes Kind ist eine unglaubliche Bereicherung für uns und unsere leiblichen Kinder. Wir lernen viel über uns und das Leben und haben jeden einzelnen Knirps lieb", sagen die Beiden und geben der kleinen Marie einen Kuss auf die Stirn.

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