Computer und Handy als wichtigste Arbeitsgeräte: Narando-Gründer Christian Brandhorst wird im Büro unter anderem von den Werkstudenten Yakup Güzel (hinten, l.) und Nikolas Rolf unterstützt. - © Miriam Scharlibbe
Computer und Handy als wichtigste Arbeitsgeräte: Narando-Gründer Christian Brandhorst wird im Büro unter anderem von den Werkstudenten Yakup Güzel (hinten, l.) und Nikolas Rolf unterstützt. | © Miriam Scharlibbe

Kreis Herford Dank einer App können sich Nutzer Texte vorlesen lassen

Vorlese-App wird zum Vorbild

Miriam Scharlibbe

Kreis Herford. Die Idee kam ihm beim Autofahren - statt sich mit Musik die Zeit zu vertreiben, wollte Christian Brandhorst die Stunden nutzen, um Informationen aufzunehmen. Genauer gesagt, Texte, die sich am Steuer eben schlecht lesen lassen. Aus der Idee entstand Narando - eine Plattform, auf der echte Sprecher geschriebene Texte vorlesen. Zuerst nur durch ein Studienstipendium finanziert, ist Narando inzwischen eine GmbH und mit dem OWL-Innovationspreis ausgezeichnet. So hat es Brandhorst auf die Liste der besten Beispiele junger Unternehmer geschafft. Bei ihrer diesjährigen Best-Practice-Tour machten sich Präsident und Hauptgeschäftsführer der IHK im Herforder Denkwerk selbst ein Bild. Viel Holz und Eisen, große Fenster, helle Räume und vor allem eine Vielzahl anderer Unternehmer, mit denen sich junge Gründer austauschen können - das hat Christian Brandhorst, der in Enger zur Schule gegangen und in Melle aufgewachsen ist, überzeugt, mit Narando nach Herford zu ziehen. Dass das Gespräch mit den Herren von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Ostwestfalen zu Beginn durch Baulärm beeinträchtigt wird, stört den Narando-Chef nicht: "Der Lärm beweist uns, dass sich hier einiges bewegt und es weitergeht. Das ist eine gute Atmosphäre zum Arbeiten. Man selbst darf ja auch nicht stehenbleiben", sagt der 29-Jährige, der den Begriff "Start-up" selbst meidet. IHK-Präsident Wolf D. Meier-Scheuven sieht in Narando aber genau das: ein junges Unternehmen, das eine innovative Idee verkauft und schnell wächst. Dass dies bei Narando funktioniert, berichtete Brandhorst vor Ort. "Als wir gestartet haben, war unser oberstes Ziel noch, möglichst schnell einen Investor zu finden. Das sehen wir inzwischen anders." Die Firma könne sich bisher selbst finanzieren und ihm, einer weiteren Kollegin, die von München aus in Vollzeit für Narando arbeitet, sowie drei Werkstudenten ein Gehalt zahlen, "das zum Überleben reicht." Weil das aber in Deutschland vielen Menschen zu wenig sei, leide die Gründerszene, so die Diagnose von Meier-Scheuven und IHK-Hauptgeschäftsführer Thomas Niehoff. "Wir leben in einer Wohlstandsgesellschaft. Viele Menschen haben sich einen Lebensstandard aufgebaut, den sie nicht verlieren wollen", so Niehoff. Ihnen fehle der Mut, eine Firma zu gründen. Das unterscheide Deutschland von anderen Ländern, besonders den USA. Allerdings habe es auch andere Zeiten gegeben. "Nach dem Zweiten Weltkrieg wollten es viele Deutsche besser haben, darum haben sie die Selbstständigkeit gewählt", sagt Sebastian Borek von der Founders Foundation Gütersloh. "Heute ist Gründen gleichbedeutend mit Rückschritt." Auch die Statistiken belegen, dass in konjunkturell guten Zeiten weniger Unternehmen gegründet werden. Die Angestelltenmentalität zeige sich besonders in Städten mit großen Unternehmen. "Die wenigsten Firmengründungen haben wir in Deutschland in Wolfsburg, wo VW seinen Sitz hat, und in Ludwigshafen, der Heimat von BASF", sagt Ulrich Grubert, IHK-Referent für Existenzgründung. Brandhorst hat die Selbstständigkeit der Sicherheit vorgezogen. Er bedauert die deutsche Zurückhaltung bei diesem Thema. "Ich kann das nur schwer nachvollziehen. In Deutschland muss kaum jemand für sein Studium bezahlen. In den USA verschulden sich Studenten und machen ihr Studium dann oft nicht einmal zu Ende, weil sie feststellen, jetzt ist die Zeit, eine Existenz zu gründen." Allerdings sei die Akzeptanz für gescheiterte Versuche auch nicht hoch. Wer ein Business vor die Wand fahre, verliere schneller Anerkennung als in anderen Ländern. Aber auch wenn ein Geschäft funktioniert, können Fehler teuer werden. Das habe auch Narando erfahren müssen. Brandhorst nutzte für seine Internetseite Fotos, die Fotografen auf Online-Plattformen frei zur Verfügung stellen. "Es gibt allerdings einige Bilder, bei denen man nicht nur den Urheber, sondern auch eine sehr lange und komplizierte Bildbeschreibung drucken muss. Das haben wir, wie viele andere, versäumt." Die Folge: Narando bekam eine hohe Rechnung von einem landesweit bekannten Abmahnanwalt. Brandhorst sieht darin ein kriminelles System und wehrt sich jetzt juristisch. Die Selbstständigkeit bereut er dennoch nicht. In dem einen Jahr, in dem Narando jetzt eine GmbH ist, hat er 50.000 Euro Umsatz gemacht. "Auf den Monat gerechnet ist das weniger, als es zunächst klingt. Aber es erkauft uns Zeit, uns weiterzuentwickeln."

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