Leidenschaftliche Diskutanten: In den Sesseln der Herforder Ratsmitglieder fühlten sich die Teilnehmer des Schülerparlaments schon fast wie Zuhause. Herfords Bürgermeister Tim Kähler genoss es, so viel Interesse an Politik und Debattenkultur bei den Schülern zu sehen. - © Miriam Scharlibbe
Leidenschaftliche Diskutanten: In den Sesseln der Herforder Ratsmitglieder fühlten sich die Teilnehmer des Schülerparlaments schon fast wie Zuhause. Herfords Bürgermeister Tim Kähler genoss es, so viel Interesse an Politik und Debattenkultur bei den Schülern zu sehen. | © Miriam Scharlibbe

Kreis Herford Junge Redner, große Fragen

Europäisches Schülerparlament: 70 junge Frauen und Männer diskutieren am Wochenende im Herforder Rathaus und verfassen fünf Resolutionen

Miriam Scharlibbe

Kreis Herford. Normalerweise geht es im Ratssaal um Kitaplätze oder die Gewerbesteuer. Am Wochenende drehte sich die Debatte aber um nichts weniger als die Zukunft des Menschen. Die Diskutanten: 70 junge Frauen und Männer aus zwölf ostwestfälischen Schulen. Mit sorgfältig vorbereiteten Argumenten und leidenschaftlichen Reden verteidigten sie ihre Positionen. Einige erhalten die Chance, dies im Juli in Manchester zu wiederholen. Konzentrierte Blicke, leise Absprachen in den eigenen Reihen und klare Worte der Zurückweisung für allzu deutliche Kritik an den eigenen Standpunkten. Was die 70 Teilnehmer des Europäischen Schülerparlaments im Ratssaal darboten, wies deutliche Parallelen zur Sitzung der Ratsmitglieder nur zwei Tage zuvor auf. Bürgermeister Tim Kähler fühlte sich sichtbar wohl in dieser neuen Runde und das, obwohl er seinen Stammplatz gleich zu Beginn an Moderator Markus Thürmann abgeben musste. „Der Rat sieht heute auf jeden Fall erheblich jünger aus als am Freitag“, sagte Kähler. „Mich hat aber auch beeindruckt, wie fundiert und respektvoll sie miteinander diskutieren.“ Lobende Worte fand der Bürgermeister auch für den Mut der Schüler, sich mit komplexen Themen zu befassen. Sein Tipp: „Am Ende brauchst du in einer Demokratie immer 51 Prozent. Das heißt nicht, dass alle immer einer Meinung sind, sondern auch zu akzeptieren, wenn man mit seiner Meinung unterliegt.“ Die Nachwuchsparlamentarier äußerten ihre Meinungen deutlich: Lebensmittel sind in Deutschland zu teuer, es sollte ein Gesetz gegen das Wegwerfen von Nahrung geben, das Embryonenschutzgesetz sollte ausgeweitet und Synthetische Biologie stärker gefördert werden. Das waren einige Forderungen. In fünf Ausschussgruppen hatten die Frauen und Männer am Samstag ihre Resolutionen vorbereitet. Begleitet wurden sie dabei von namhaften Wissenschaftlern, die ihnen Impulse gaben. Den Anfang machte bereits am Freitag Reinhold Leinfelder, Professor und Gründungsdirektor des Hauses der Zukunft in Berlin. Er ermutigte die Teilnehmer zur Diskussion und dazu, große Ideen zu verteidigen. „Diskursfähig zu werden ist ein wichtiges Ziel für unsere Zukunft“, sagte Leinfelder. Er erfreue sich immer daran, wenn Schüler dazu bereit seien. Sein Tipp: „Versuchen Sie sich stets in andere hineinzuversetzen – wie bei einem Schachspiel“, sagte Leinfelder. „Man muss immer überlegen, wie der Gegenüber reagieren könnte, wenn man etwas Bestimmtes sagt.“ Einer, der das bereits gut beherrscht, ist Niels Oldemeier. Er war vor zwei Jahren Finalist des Schülerparlaments, in diesem Jahr durfte er als Teil der Jury an der Auswahl der Finalisten mitwirken. „Für mich war das Schülerparlament damals die Initialzündung“, sagte Oldemeier. „Vorher wollte ich Simultandolmetscher werden, nach dem Projekt habe ich gemerkt, dass ich selbst Politik aktiv mitgestalten möchte.“ Inzwischen studiere er internationale Beziehungen in Holland. Siona Becker, eine derjenigen, die es in die nächste Runde schaffte (¦ siehe Kasten) resümierte: „Ich habe definitiv gelernt, wie man sachlich diskutiert und dass man nie mehr fordern sollte, als man auch vertreten kann.“

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