Elternhaus: In diesem Haus, Stiftbergstraße 23, wuchs der Pastorensohn Hans Wollschläger auf. Sein Abitur legte er 1955 am Friedrichs-Gymnasium ab, damals noch am alten Standort Brüderstraße, dem heutigen Kaufhofgelände. - © Ralf Bittner
Elternhaus: In diesem Haus, Stiftbergstraße 23, wuchs der Pastorensohn Hans Wollschläger auf. Sein Abitur legte er 1955 am Friedrichs-Gymnasium ab, damals noch am alten Standort Brüderstraße, dem heutigen Kaufhofgelände. | © Ralf Bittner

Herford/Oelde Publizist gräbt Texte eines fast vergessenen Herforders aus

Hans Wollschläger: Der Herforder Publizist Michael Girke kuratiert Ausstellung über den intellektuellen Aufklärer und gibt Lesebuch mit Wollschläger-Texten heraus

Ralf Bittner

Herford/Oelde. Die Karl-May-Biografie aus dem Jahr 1965 und die Ulysses-Übersetzung (1975) machten den in Herford aufgewachsenen Hans Wollschläger eine Zeit lang einem breiten Publikum bekannt. Inzwischen können viele Herforder nichts mehr mit dem Namen des vielsprachigen Übersetzers und vom Geist der Aufklärung getragenen Kritikers anfangen. Ein Lesebuch des Herforder Publizisten Michael Girke und eine Ausstellung wollen das jetzt ändern. Girke - Literaturwissenschaftler, Musiker, Film- und Musikritiker - entdeckte den am 17. März in Minden 1935 geborenen und am 19. Mai 2007 in Bamberg gestorbenen Wollschläger vor etwa acht Jahren für sich. "Hans Wollschläger. Licht ist meine Lieblingsfarbe" heißt die maßgeblich von Girke erarbeitete Ausstellung im Kulturgut Haus Nottbeck, in der es viele Bücher und Porträts Wollschlägers zu sehen geben wird. Auch Tondokumente sind zu hören, da Wollschläger viele seiner Texte auch eingelesen hat. Von Hassliebe geprägtes Verhältnis zu Herford "Ein Schwerpunkt wird das von einer Art Hassliebe geprägte Verhältnis zu Herford sein", sagt Girke. Im Alter von zwei Jahren war Wollschläger als Pfarrerssohn mit seinen Eltern nach Herford gezogen, wo er 1955 am Friedrichs Gymnasium das Abitur ablegte. In seinem, bis auf den Roman "Herzgewächse oder Der Fall Adam", überwiegend essayistischen Werk spielt Herford immer wieder eine Rolle. Weder mit seinen Schilderungen, wie sich Lehrer oder Nachbarn in der NS-Zeit verhielten, noch mit seiner Kritik an der Zerstörung des historischen Herforder Stadtbildes in den 1960er- und 1970er- Jahren dürfte er sich viele Freunde gemacht haben. Dabei wurde sein langjähriger Wohnort Bamberg quasi zum idealtypischen Gegenentwurf einer Stadt, die sich ihrer humanistischen Tradition bewusst ist. "Feierliche wie vernichtende Danksagung" Trotzdem hielt er im September 1990 die Festrede zum Abschluss der "Festwoche 450 Jahre Friedrichs Gymnasium". Als "feierliche wie vernichtende Danksagung" beschrieb NW-Redakteur Hartmut Braun die "brillante, nur ironisch besänftigte Abrechnung mit der europäisch-,humanistischen? Bildungstradition und der Lebens- und Lustfeindlichkeit ,seiner? Schule" damals. Unerbittlich sei auch die Abrechnung mit den Bildungstraditionen ausgefallen, vom "Versagen allen Humanismus" habe er gesprochen, vielleicht kein Wunder, dürfte doch die Lehrerschaft seiner Schulzeit zum großen Teil aus Lehrern bestanden haben, die diese Funktion auch vor 1945 ausgeübt hatten. Gegen Antisemitismus angeschrieben "Wollschläger hat ein Leben lang über die Vernichtung der europäischen Juden und gegen Antisemitismus angeschrieben", sagt Girke, was Wollschläger mit Thoedor W. Adorno verbunden habe, mit dem er auch das Interesse für den Komponisten Gustav Mahler teilte. Wollschläger hatte sich schon als Jugendlicher über das Partiturstudium die Werke Johann Sebastian Bachs und Mahlers erschlossen und beschäftigte sich auch während seines Musikstudiums in Detmold mit dem jüdischen Komponisten. Diese Begeisterung teilte er mit Adorno, zu dem ab 1950 ein Briefkontakt bestand und den Wollschläger neben dem Schriftsteller und Übersetzer Arno Schmidt als einen seiner geistigen Ziehväter ansah. Wollschläger schrieb "Literatur über Literatur" Als Literat habe sich Wollschläger als Autodidakt bezeichnet, sagt Girke. Ein Großteil des Schreibens des Kritikers Wollschläger sei "Literatur über Literatur" gewesen so Girke, da bekamen die Leser mit einer Theaterkritik auch schon mal 200 Jahre Theatergeschichte mitgeliefert, wenn Text und Inszenierung das erforderten. Vieles habe er in ebenjenem Licht der Aufklärung betrachtet, auf das der Ausstellungstitel Bezug nimmt. Girke bedauert, dass der "Ostwestfale in der Weltliteratur" heute in Herford so gut wie unbekannt sei. Das liege möglicherweise an dessen Werk - anders als im angelsächsischen Sprachraum gelten Essays in Deutschland nicht als literarische Form von hohem Wert.

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