Ein besonders schwerer Fall von Menschenhandel wurde vor dem Amtsgericht Herford verhandelt. - © dpa
Ein besonders schwerer Fall von Menschenhandel wurde vor dem Amtsgericht Herford verhandelt. | © dpa

Herford Schwerer Menschenhandel: Mit Voodoo Druck erzeugt, dann zur Prostitution gezwungen

Odyssee führt junge Frau von Nigeria über Libyen nach Lampedusa und Turin in Italien, in die Schweiz und nach Deutschland

Corina Lass

Herford. Im Saal 309 des Amtsgerichts ging es am Dienstag um schweren Menschenhandel. Das Opfer, im Juristendeutsch "die Geschädigte", ist eine 23 Jahre junge Frau, die 2008 zum Zweck der Prostitution gekauft und weiterverkauft wurde. Druckmittel gegen die damals erst 15-Jährige war ein Voodoo-Schwur. Esther (Name geändert) aus Nigeria hatte von der Freundin ihres Bruders erfahren, dass es in Italien eine Frau gab, die sie als Haushaltshilfe oder Altenpflegerin vermitteln würde. Um Esthers angeblich 35.000 Euro teure Reise nach Europa abzusichern, musste das Mädchen Unterwäsche, Haare und Stücke ihrer Fingernägel abgeben, in einer Zeremonie darauf schwören, das Geld zurückzuzahlen und dafür alles zu tun, was die jeweils für sie zuständige Person von ihr verlangen würde. Andernfalls würde sie sterben oder verrückt werden. Esther kam zunächst mit 16 weiteren Mädchen, die alle für die Prostitution vorgesehen waren, in ein Camp nach Tripolis (Libyen), wo sie D. kennenlernte, der heute im Kreis Herford lebt. Der heute 32-jährige Ghanaer freundete sich mit ihr an. Als es hieß, dass im Umfeld des Camps immer mehr Polizei auftauchte, was womöglich ein gezielt gestreutes Gerücht war, brachte D. das Mädchen in ein Hotel. Unter Schlägen und Hinweisen auf ihren Schwur zwang er sie zur Prostitution: Er habe für sie bezahlt, das Geld müsse sie ihm zurückzahlen. 6.000 Euro sollen es gewesen sein, wie D. erst zuletzt zugab. Als in Libyen der Krieg ausbrach, flohen beide nach Italien. Anfang Mai 2011 erreichten sie zunächst Lampedusa, kamen dann in eine Asylbewerberunterkunft in Turin. Auch dort zwang D. die junge Frau zum Sex, oft mit mehreren Männern am Tag. Esther musste immer ungeschützten Sex haben: Sie wurde schwanger. D. sorgte dafür, dass ein Arzt eine Fehlgeburt einleitete. Etwas später stellte Esther eine weitere Schwangerschaft fest, als sie im fünften Monat war. D. soll ihr gesagt haben, sie solle den Bastard töten. Esther floh über die Schweiz nach Deutschland. Erst als D. sie und das Kind ausfindig zu machen versuchte, zeigte sie ihn 2014 an. Das Gericht hielt ihre Schilderungen für glaubwürdig. Es verurteilte D. zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und drei Monaten wegen zweifachen schweren Menschenhandels. Die Strafe wird aber nicht rechtskräftig werden: D.s Verteidigerin ist seine Anwältin im Asylverfahren, keine Fachanwältin im Strafrecht. Sie will seinen Fall nun in der nächsten Instanz vors Landgericht bringen - mit einem Strafrechtler an D.s Seite.

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