Verführerisch: Der große Gewinn lockt. Doch mit zunehmendem Einsatz steigt die Suchtgefahr. Einen Schutz für Süchtige in Form von Spielersperren gibt es in Nordrhein-Westfalen nicht. - © Frank-Michael Kiel-Steinkamp
Verführerisch: Der große Gewinn lockt. Doch mit zunehmendem Einsatz steigt die Suchtgefahr. Einen Schutz für Süchtige in Form von Spielersperren gibt es in Nordrhein-Westfalen nicht. | © Frank-Michael Kiel-Steinkamp

Herford Mit Spielsperren aus der Glücksspielsucht

Wenn das Geld in der Tasche brennt

Peter Steinert

Herford. Horst Brönstrup macht den Test: "Guten Tag. Ich möchte mich in Herfords Spielhallen sperren lassen." Die Reaktionen der Beschäftigten reichen von Verunsicherung ("Ich bin nur eine Springerin") bis Zustimmung ("Das ist eine richtige Entscheidung"). Kein Mitarbeiter der Spielotheken, Spiel-Salons, -Hallen und -Treffs weiß, dass Horst Brönstrup nicht spielsüchtig ist. Zum "Aktionstag Glücksspielsucht" war er am gestrigen Mittwoch als Therapeut der Diakonie für Glücksspielabhängige mit einem Redakteur der NW unterwegs. Sonst sitzen vor dem Diplom-Pädagogen regelmäßig Spieler, die nicht mehr spielen wollen. Die viel zu oft viel zu viel Geld verloren haben. Die ihre Partner, Freunde und Arbeitskollegen um Geld angepumpt und belogen haben. Die in ihrer Not die Kreditkarte abgegeben haben. Und die dennoch nicht vom Glücksspiel loskommen. "Es geht immer ums Geld", sagt Brönstrup und nennt zwei oft angeführte Argumente: "Das brennt in der Tasche." Und: "Das juckt in den Fingern." Ein Ausweg aus dem Schlamassel wäre eine Spielsperre. So, wie das in Hessen etwa praktiziert wird. "In Nordrhein-Westfalen sind wir noch nicht so weit. Hier gibt es nur das von den Spielhallen-Betreibern ausgesprochene Hausverbot. Rein rechtlich sind das jedoch zwei unterschiedliche Tatbestände. Im einen Fall kann der Hallen-Inhaber den Spieler auf Hausfriedensbruch verklagen. Auf der anderen Seite kann der Glücksspielsüchtige den Automatensaal-Betreiber belangen, weil der ihn trotz Sperre spielen ließ", sagt Horst Brönstrup. "Spielerschutz durch Spielersperren" lautet daher die aktuelle Forderung, die Ilona Füchtenschnieder-Petry von der Bielefelder Landes-Koordinierungsstelle Glücksspielsucht NRW begründet: "Das ist eine effektive Maßnahme des Spielerschutzes. Das haben zahlreiche Studien aus dem In- und Ausland belegt. Gesetzlich verankert ist sie bisher nur für Glücksspielangebote in Spielbanken und einige als besonders suchtgefährdend eingestufte Glücksspiele der Lottogesellschaften wie Oddset, Keno und Lottospiele im Internet." Damit hätten, so Ilona Füchtenschnieder-Petry, gefährdete und bereits erkrankte Glücksspieler zumindest die grundsätzliche Möglichkeit sich wirksam zu schützen. "Im Bereich des Automatenspiels in Gaststätten und Spielhallen ist dies derzeit nur in wenigen Bundesländern möglich. Nordrhein-Westfalen gehört neben Bayern und Niedersachsen nicht dazu. Hier ist die Politik gefordert", sagt Ilona Füchtenschnieder-Petry. Fraglich bleibt, wie eine solche Vorgabe in der Realität umzusetzen ist. Wenn etwa Horst Brönstrup zur Hallen-Aufsicht geht und sagt, dass er sich sperren lassen möchte, dann notiert die Frau in einem Fall lediglich seinen Namen und die Telefon-Nummer. "Wir melden uns", hört Horst Brönstrup. "Ohne ein Foto von mir oder den Personalausweis nutzt das aber gar nichts. " Die Beschäftigte eines anderen Automatensaals in Herford ist ebenfalls aufgeschlossen, aber vorsichtiger. Sie verlangt den Ausweis. Eine Kopie davon müsse hinterlegt werden, damit die Mitarbeiter anhand des Passbilds reagieren könnten. Zum Beleg klappt sie die Tür eines Schranks auf, hinter der Kaffeetassen stehen und an der die vergrößerte Kopie eines Personalausweises hängt. Einer. Denn nur wenige Glückspielsüchtige bekennen sich öffentlich. Dabei lassen 3,7 Prozent der Bevölkerung Räder rollen, Ziffern leuchten und Motive rotieren. Diese relativ kleine Gruppe hat in NRW im Jahr 2014 fast 1,5 Milliarden Euro in Spielhallen und in der Gastronomie verspielt.

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