"Nur zu Besuch": Frederik Köhne, Tischlerausbilder in der JVA Herford, mit der Arbeit seines Azubis Marc H., der nicht zur Preisverleihung durfte. Dafür gab's den 1. Preis bei den Auszubildenden. - © Ralf Bittner
"Nur zu Besuch": Frederik Köhne, Tischlerausbilder in der JVA Herford, mit der Arbeit seines Azubis Marc H., der nicht zur Preisverleihung durfte. Dafür gab's den 1. Preis bei den Auszubildenden. | © Ralf Bittner

Herford Verleihung des 7. Recycling Designpreises im Marta

Harald Welzer für De-Design, Rückbau des Überflüssigen

Ralf Bittner

Herford. "Die bisherige Praxis der Problemlösung durch das Schaffen von Neuem wird uns nicht durch das 21. Jahrhundert bringen", sagte Harald Welzer von der Stiftung Futurzwei bei der Verleihung des 7. Recycling Designpreises. Mit dem 2. Preis, der Arbeit "blade made furniture" des Holländers Césare Peeren, liegt der physische Beweis unübersehbar groß vor dem Marta-Eingang. Schien die Windkraft lange als abfalllose Alternative zur Atomkraft, wird klar, dass auch sie schwer zu entsorgenden Müll wie Rotorblätter aus Verbundwerkstoffen produziert. 2.000 davon fallen allein in Deutschland jährlich an. Peeren macht daraus Sitzmöbel, Skulpturen oder Spielplätze. Geht man mit Welzer, wäre es sicher sinnvoller, den Energiebedarf zu reduzieren statt immer neue - oft nur scheinbar sauberere - Alternativen dazu zu erfinden. Fast unscheinbar ist dagegen die Arbeit "Den Löffel abgeben - Alltagsbesteck" für die Emmy Galle und Bruno Winter vom Münchner Design-Team "tubadesign" den 1. Preis zugesprochen bekamen. Sie überziehen altes Besteck, wie es bei Haushaltsauflösungen anfällt, mit Emaille. "Der einheitliche Look macht die Bestecke attraktiv, die ja oft aus Einzelteilen unterschiedlicher Besteckserien bestehen", sagt Winter. Die Idee dafür sei noch während des Studiums am WG-Tisch entstanden. Vorstellen könnte er sich eine Produktion in einem sozialen Betrieb, doch bisher fehle der Partner, der in einen Emailleofen investiere. Für ihre Arbeit Null Prozent - "zerobarracento" - erhielt die Italienerin Camilla Carrara den 3. Preis. Sie entwickelt und entwirft textile Mode aus Wollresten der norditalienischen Textilindustrie. Die Stoffe bestehen zu 100 Prozent aus Wolle, so dass sie nach Gebrauch sortenrein recycelt oder weiterverwendet werden können. Auch die Schnitte sind so gearbeitet, dass bei der Produktion keinerlei Reste oder Abfälle entstehen. Damit nimmt sie auch Ideen der "Zero-Waste" (Null-Abfall)-Bewegung auf. Generell sei aufgefallen, dass sich die Arbeiten mehr und mehr vom einfachen Wiederverwenden durch Neukombination von Gebrauchtem entfernen, sagte Marta-Direktor und Jury-Mitglied Roland Nachtigäller: "Zunehmend beschäftigen sich die Designer auch mit dem Material an sich." Die Überlegungen seien zum Teil so komplex, dass die Jury sich bei einem Materialforscher Rat holen musste, ob einige Vorschläge im Sinne der Ressourcenschonung Sinn machen. Rund 500 Einsendungen aus 17 Ländern hatte es für die 7. Auflage des vom Arbeitskreis Recycling initiierten und mit insgesamt 4.000 Euro dotierten Recycling Designpreises gegeben. Rund 30 Arbeiten sind neben denen der Preisträger bis zum 1. November im Marta zu sehen. Weitere Präsentationen, etwa im Berliner "Museum der Dinge" werden folgen.

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