Die einzigen Geburtskliniken im Kreis Herford werden sich ab dem kommenden Jahr nur noch in der Kreisstadt Herford befinden. - © Foto: DPA
Die einzigen Geburtskliniken im Kreis Herford werden sich ab dem kommenden Jahr nur noch in der Kreisstadt Herford befinden. | © Foto: DPA

Herford Geboren – nur noch in Herford

Schließung der Bünder Frauenklinik: Zur Geburt und Brust-OP ins Klinikum oder Mathilden-Hospital

Von Barbara Glosemeyer und Miriam Scharlibbe

Herford. Wenn eine Frau ihr Baby in einem Krankenhaus im Kreis Herford zur Welt bringen möchte, kann sie das ab Januar 2015 nur noch in der Kreisstadt Herford: im Klinikum oder Mathilden-Hospital. Auch jede andere gynäkologische stationäre Behandlung wird ab kommendem Jahr nur in Herford möglich sein, nachdem das Lukas-Krankenhaus in Bünde gestern die Schließung ihrer Gynäkologie zum Jahresende verkündet hat (die NW berichtete).

Etwa 300 Kinder im Jahr wurden zuletzt nur noch im Lukas-Krankenhaus geboren, viel zu wenig, um wirtschaftlich arbeiten zu können. Für die Frauenklinik inklusive Geburtshilfe legte das Lukas-Krankenhaus zuletzt bis zu 1,5 Millionen zu. Nicht darstellbar angesichts des zunehmenden Kostendrucks in den Krankenhäusern.

Der Vorstand des Klinikums in Herford, Martin Eversmeyer, kennt das aus eigener Anschauung: "Wirtschaftlich wird es erst ab 1.000 Geburten pro Jahr." Im Klinikum wurden 2009 (vor der Eröffnung des Mutter-Kind-Zentrums) 906 Kinder geboren, 2012 waren es 1.208, im laufenden Jahr sind es bereits 701 Neugeborene.

Dass die Zahl der Geburten am Klinikum steigt, während sie in Bünde gesunken ist, führt der Klinikum-Chef unter anderem darauf zurück, dass Frauen heutzutage relativ spät Mutter werden. "Das sind Risikoschwangerschaften, für die ein Krankenhaus mit Perinatal-Zentrum, also einer Frühgeborenen-Intensivstation, empfohlen wird" – wie sie das Klinikum hat.
Ein weiterer Pluspunkt sei, dass das Klinikum – ebenfalls als einziges Krankenhaus im Kreis – eine angeschlossene Kinderklinik habe, in der Neugeborene falls nötig sofort behandelt werden können.

Martin Eversmeyer. - © Foto: Kiel-Steinkamp
Martin Eversmeyer. | © Foto: Kiel-Steinkamp

Auch zum Vorwurf des Lukas-Krankenhauses, das Klinikum sei zu Unrecht Brustzentrum geworden, äußert sich Eversmeyer: "Sicherlich ist bei den Bünder Kollegen der Frust und die Enttäuschung groß." Es stimme auch, dass das Klinikum wie das Lukas-Krankenhaus nicht die für eine Anerkennung erforderliche Anzahl von 100 Brustkrebs-Operationen (Erst-Eingriffe) im Jahr erreicht hat. Es seien aktuell 80 bis 90 Eingriffe. Doch die Zahl 100 habe kaum ein Krankenhaus bei der Anerkennung zum Brustzentrum vorlegen können. Entscheidend sei ebenso die Frage gewesen, wer die besten Voraussetzungen in der Diagnostik und Therapie bei Brustkrebs mitbringe. Das Klinikum habe damit punkten können, dass es alles unter einem Dach anbieten könne, eine ambulante Onkologie hat und mit modernen Geräten arbeitet wie dem Pet-Computertomographen, der Tumore in Stecknadelgröße erkennen kann.

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Kapazität ausweiten

Nicole Kaempfer, Inhaberin der Herforder Hebammenpraxis Rundherum, hat bisher maximal zehn Frauen pro Jahr in Bünde betreut. Sie rechnet damit, dass viele künftig auch nach Melle oder bis nach Minden fahren.

"Wenn eine hochschwangere Frau von Bünde nach Herford fährt und die Bünder Straße mal wieder gesperrt ist, kann das ja auch schon einmal eine halbe Stunde dauern", gibt Kaempfer zu bedenken. Sie hofft, dass sich die Herforder Krankenhäuser dennoch auf den Zulauf der Mütter vorbereiten.

"Schon jetzt gab es im Sommer Zeiten, da wurden in eineinhalb Tagen 14 Kinder geboren. Es könnte gut sein, dass die Herforder ihre Kapazitätsgrenzen ausweiten müssen", meint die erfahrene Hebamme.

Auch wenn das Klinikum wahrscheinlich von der Schließung in Bünde profitieren wird – von einem Freudentag will Eversmeyer nicht sprechen: "Für die betroffenen Frauen und eine ortsnahe Versorgung ist diese Zentralisierung im Kreis Herford keine gute Lösung." Auch deshalb habe man dem Lukas-Krankenhaus schon früh Kooperationsangebote in Sachen Gynäkologie und Brustzentrum gemacht. Die seien aber alle abgelehnt worden.

Welche Auswirkungen das Ende der Frauenklinik in Bünde für das Herforder Mathilden-Hospital haben wird, kann Gunde Geisler derzeit noch nicht abschätzen. "Bei uns sind im vergangenen Jahr 538 Kinder zur Welt gekommen", sagt die kaufmännische Leiterin des Mathilden-Hospitals. Die Nähe des Krankenhauses zum eigenen Wohnort sei sicher für viele Frauen ein wichtiger Faktor. Geisler zufolge würden aber andere Aspekte zunehmend wichtiger. "Die Frauen gehen schon jetzt nicht immer in die Klinik um die Ecke, sondern vergleichen die Geburtsstationen miteinander und gucken, wo sie sich am wohlsten fühlen." Die Kreisssaalführungen für werdende Mütter seien immer ausgebucht. Deswegen bleibe es abzuwarten, wie viele Mütter aus Bünde künftig zur Geburt nach Herford kommen. Da das Hospital aber zum Beispiel mit dem Unicef-Siegel "Babyfreundliche Geburtsklinik" ein Alleinstellungsmerkmal habe, rechnet Geisler schon damit, dass sich die ein oder andere Bünderin für das Mathildenhospital entscheidet.

Im Bereich der gynäkologischen Eingriffe habe die Wohnortnähe dagegen fast gar keine Bedeutung mehr. "Hier suchen die Frauen das Krankenhaus nach der medizinischen Qualität aus."

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