Organist Pieter Aertsen an der Orgel in der Kirche St. Paulus. Foto: Seidel - © Foto: Ken Seidel
Organist Pieter Aertsen an der Orgel in der Kirche St. Paulus. Foto: Seidel | © Foto: Ken Seidel

Herford Bewegtes, stilles Leben

Konzert des Herforder Orgelsommers mit belgischem Programm

VON KEN SEIDEL

Herford. Das clowneske "Intermezzo" Joseph Callaerts und die monumentale, scheinbar frei schwebende Schweinshaxe auf einem Bild des Holländers Pieter Aertsen, dazu die kampflustigen Akkordschläge Jaak Lemmens, vielleicht einmal ausgeteilt von Jacopo de' Barbaris eisernen Handschuhen. Umgeben sind sie vom dunkelbraun registrierten Licht der Benelux-Staaten. Das war das jüngste Konzert im Herforder Orgelsommer.

Von Haarlems prächtig gedeckten Tafeln, vom schattigen Weiß der Lieve-Vrouwenkathedraal Antwerpens, vom Gestank des nahen Fischmarktes. Von saftiger Spiritualität. Stillleben präsentierte der Brügger Organist Ignace Michiels am Sonntagabend in St. Paulus. Prächtige, appetitliche Inszenierungen in klassischer Manier, aber romantischer Weltsicht, Fabeln des 19. Jahrhunderts. Und darüber hinaus.

Mit Werken von Joseph Jongen, Gabriël Verschraegen, Flor Peeters oder Camil Van Hulse betrat man den langen Weg in die Musik des 20. Jahrhunderts. Von der Empore grüßten alte Bekannte. Ravel und Strauß, auch Francis Poulenc und Olivier Messiaen, ins Gespräch vertieft mit seinen geliebten Vögeln.

Das Licht, das zu Anfang des Konzertes noch spektakuläre Risse in den Dämmer der Haltetöne gezogen hatte, nahm nun an Intensität zu. In Kaskaden und Spiegelungen veränderte es sein Timbre. Aus dem wohligen Gold Edgar Tinels wurde ein Silber, das in unzähligen Einschlüssen und Reflexen über die Oberfläche von Verschraegens "Scherzo" eilte, bis es im "Concert Piece" von Flor Peeters in seine Spektralfarben zerfiel.

Van Hulsens "Symphonia Mystica" begann schließlich farblos. Solistische Phrasen in den Manualen und im Pedal wechselten sich ab. Manche redselig, andere heimlichtuerisch, hier und da ein Stotterer, dazwischen dreiste und komische Gesprächsfetzen, ein buchstäbliches Charakterstück. Nach einem ruhigen Intermezzo verdichteten sich die übriggebliebenen Klänge zu einem endlosen, schillernden Schlussakkord.

Mit dramaturgischer und dynamischer Absolutheit hatte Ignace Michiels die erste Programmhälfte bestritten. Mit unberechenbarer Virtuosität die zweite. Erst große Form, dann große Freiheit. Das Publikum dankte für solche Meisterschaft mit reichlichem Applaus.

Information

Das nächste Konzert

Weiter geht die Reihe des 14. Herforder Orgelsommers am kommenden Sonntag, 10. August.
Veranstaltungsort ist dieses Mal die Neuapostolische Kirche an der Hermannstraße 8.

Ab 18 Uhr musiziert Markku Hietaharju, Orgamist der Kathedrale von Turku in Finnland.

Das Thema des Abends lautet "Hansestädte in Skandinavien".

Es erklingen unter anderem Werke von Jean Sibelius, Aulis Sallinen, Veli Kujala und Johann Sebastian Bach.

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