Christian Martin hat heute wieder einen Grund zum feiern. - © Foto: Ralf Bittner
Christian Martin hat heute wieder einen Grund zum feiern. | © Foto: Ralf Bittner

Herford Das ungewöhnliche Jubiläum des Christian Martin

Spielfrei seit 25 Jahren

Herford. Der 22. Februar ist ein besonderer Tag im Leben des Christian Martin. Eine Freundin hat Geburtstag, es gibt Erinnerungen an schöne Feiern. Doch vor allem ist es der Tag an dem er "spielfrei" wurde, heute vor 25 Jahren.

Fast zehn Jahre lang hatte der Haustechniker (51) zuvor gespielt, wenn man es denn spielen nennen darf, wenn einer sein Geld in Automaten steckt und nicht aufhören kann damit.

Wenn einer Tag und Nacht ans nächste Spiel denkt, heimlich in die Spielhalle huscht, Ausreden erfindet, die Banken über die Schulden belügt – und die Angehörigen sowieso.

Wenn das Konto immer mehr in die Miesen rutscht, man Dinge verkauft und sich Geld von Eltern und Freunden zusammenbettelt, um Stoff zu haben für den nächsten Spielhallenbesuch, nur noch mit Schuldgefühlen lebt. Martin: "Es ist wie in einem Loch, einem Sumpf."

Dass er in dieser Zeit "weit, weit mehr als 100.000 Euro" verspielt hat, erwähnt er nur nebenbei. Wie viel es genau war, will er gar nicht wissen. Dabei hat er gut verdient damals.

Das ging so bis zum 21. Februar 1989. "Ich habe gespielt wie immer", erinnert er sich. Er wohnte damals in Rinteln, verheiratet, Vater eines kleinen Sohnes. An dem Tag passierte zweierlei: Ein Freund entdeckte ihn in der Spielhalle, "das war mir sehr peinlich." Und im ZDF lief abends eine Sendung mit Michael Steinbrecher, in der es um Spielsucht ging.

An diesem Abend war Christian Martin berührt. "Im Abspann des Films wurde ein Dr. Gerd Meyer von der Uni Bremen genannt. Den habe ich am nächsten Tag angerufen." Meyer gab ihm einen Tipp: In Herford gebe es bei der Diakonie eine neue Beratungsstelle.

Christian wollte immer noch etwas ändern. Er sprach in Herford mit Beraterin Ilona Füchtenschnieder; am gleichen Abend traf sich eine Selbsthilfegruppe. "Die haben mich reden lassen, anderthalb Stunden lang. Dann haben sie mir vorgeschlagen wiederzukommen."

Es war ein guter Vorschlag. In den nächsten zehn Jahre habe er höchstens drei oder vier Treffen der Gruppe verpasst. "Sie halfen mir, eine Struktur für mein Leben zu finden", erinnert er sich. "Das Nicht-Spielen ist schon sehr anstrengend," fügt er leise hinzu. Später bot die Gruppe ihm die Chance, andere zu unterstützen. Er wurde Gründungsmitglied der "Zockerhilfe", die Spielsüchtigen half.

Spielhallen hat er nicht mehr betreten seither. In Kneipen setzt er sich mit dem Rücken zu den Automaten. Seine Ehe zerbrach an der Spielsucht und an seinem Ausstieg. Es kamen neue Beziehungen, ein neuer Job, was das Leben so bringt. Heute lebt er in Bielefeld.

Zu einigen Leuten aus der Selbsthilfegruppe hält er noch Kontakt. Vielleicht werden sie ihm heute gratulieren. Sie werden sagen, dass er stolz sein kann, dass er es geschafft hat. Auch, wenn er noch 40.000 Euro Schulden abbezahlen muss.

Christian feiert jeden 22. Februar. Heute auf dem Geburtstag der Freundin. Beim letzten Mal gab es in Folge einer Wette ein vorgezogenes silbernes Jubiläum, mit 26 Leuten, 50-Liter-Fass und einem Spiessbraten, der von einer Grönländerin zubereitet wurde: "Es war der leckerste Braten meines Lebens."

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