Die nicht ausreichende Betreuung sei unfair gegenüber den Inklusionskindern - und den Regelkindern, argumentiert die Schule. - © dpa
Die nicht ausreichende Betreuung sei unfair gegenüber den Inklusionskindern - und den Regelkindern, argumentiert die Schule. | © dpa

Herford Zu wenig Personal: Herforder Gymnasium knickt ein bei der Inklusion

Das Königin-Mathilde-Gymnasium fühlt sich mit der Inklusion alleingelassen

Corina Lass

Herford. Einbrechende Anmeldezahlen am Königin-Mathilde-Gymnasium (KMG) haben im Schulausschuss zu einer Diskussion geführt, die gesellschaftspolitische Brisanz in sich trägt. Der Knackpunkt ist fehlendes Personal bei der Betreuung der Inklusionsschüler. Schulleiter Erhard Kirchhof hat Eltern gefragt, warum sie sich gegen das KMG als weiterführende Schule entschieden hätten. Die hätten drei Gründe angeführt: Sie könnten ihr Kind ja nur am KMG anmelden, wenn es sportlich begabt sei. „Da müssen wir gegensteuern", sagte Kirchhof. Zudem wollten Eltern ihren Kindern den anstehenden Umbau nicht zumuten. Dritter Grund sei der gemeinsame Unterricht mit Inklusionskindern. Nach dem Regierungswechsel in Düsseldorf hat die Schulministerin 2017 signalisiert, dass es in Zukunft Schwerpunktschulen Inklusion geben soll. Schon damals hat Kirchhof dem Land mitgeteilt, dass das KMG keine Inklusionsschule werden wolle. Grund seien die Erfahrungen mit dem gemeinsamen Lernen, wie Kirchhof jetzt der NW sagte. Er betonte aber auch, dass er die Inklusionsschüler, die jetzt am KMG sind, bis zum Ende ihrer Schulzeit weiter betreuen wolle. Schulkonferenz wollte Inklusionskinder in einer Gruppe zusammenführen Die vorletzte Schulkonferenz, in der Schüler, Lehrer und Eltern vertreten sind, habe dann im Februar – bei Enthaltungen, aber ohne Gegenstimme – entschieden, dass die Schule die Inklusionskinder in einer Lerngruppe zusammenführen soll. Das wäre einer Exklusion gleichgekommen. Die Konferenz ist das höchste Gremium einer jeden Schule; „die Beschlüsse habe ich umzusetzen", sagte Kirchhof. In diesem Fall habe er das aber nicht getan, weil der Beschluss rechtswidrig war. Trotzdem gibt es das einhellige Votum. Und das hat Gründe. Schulpflegschaftsvorsitzende Kerstin Zahn: „Es ist nicht so, dass Lehrer und Regelschüler die Inklusionskinder nicht wollen. Die Problematik liegt woanders." Problem ist der Betreuungsschlüssel Vor allem im Betreuungsschlüssel: Sieben Inklusionskinder besuchen zurzeit die 5. und 6. Klasse, mit dem neuen Schuljahr kommen zwei weitere hinzu. Ihnen stünden eine Förderlehrerin mit 25,5 Wochenstunden und eine Sozialarbeiterin mit 10 Stunden zur Seite. Bei 90 Wochenstunden Unterricht in drei Klassen „kann das nicht funktionieren", sagt Zahn. Schon jetzt würden die Betreuer-Stunden nach dem Streusandprinzip auf die Inklusionsklassen verteilt. Erschwert werde die Förderung durch die unterschiedlichen Beeinträchtigungen der Kinder: Einige haben den Förderbedarf Lernen, anderen den Förderbedarf soziale und emotionale Entwicklung. Die Schule sei bestens mit Sachmitteln ausgestattet, mit Computerprogrammen, auch mit einem Ruheraum, sagt Zahn. „Aber wir brauchen Personal für die unterschiedlichen Förderschwerpunkte." Stattdessen blieben die Lehrer weitgehend mit den Kindern allein, hin- und hergerissen zwischen Regel- und Inklusionsschülern. Selbst sehr engagierte Lehrer seien ausgebrannt. Hinzu komme, dass die Inklusionskinder „zieldifferent" unterrichtet würden. Der Begriff verschleiere, worum es geht: Die Kinder werden kein Abitur machen, weil sie die Anforderungen auch bei bester Förderung nicht erfüllen. "Unfair gegenüber allen Kindern" Die nicht ausreichende Betreuung „ist unfair den Inklusionskindern gegenüber", sagt Zahn. Mit guter Förderung würden sie es in eine kleine Ausbildung schaffen. So aber gingen sie irgendwann ohne Abschluss und letztlich auch ohne Perspektive ab. Und die Inklusionskinder merken, dass sie im Stoff nicht mithalten können. Ein Vater habe in einem Brief an Zahn beschrieben, wie sich die Kinder mit Förderbedarf auf dem Schulhof von den Regelkindern absondern. Unfair sei die gegenwärtige Praxis auch gegenüber den Regelkindern: Gute Schüler könnten die fehlende Betreuung im Unterricht kompensieren, nicht so gute Schüler, die Hilfe beim Unterrichtsstoff brauchen, aber nicht. „Und am Ende der sechsten Klasse müssen sie dann die Schule verlassen, während die Inklusionskinder bleiben dürfen", sagt Zahn. „Das können sie nicht verstehen." Kritik von anderen Schulleitern - alle hätten das Problem Mehrfach hätten sie auf das Problem hingewiesen, sagt die Schulpflegschaftsvorsitzende. Die Antwort: Die Schule müsse sich besser organisieren. „Wir bekommen keine Hilfe, weder von der Stadt, noch von der Bezirksregierung." Sozialdezernentin Birgit Froese-Kindermann sagte im Schulausschuss, dass es sich um EU-Recht handele, das sie mit dem gemeinsamen Lernen umsetzten. Sie wisse nicht, warum sie das immer im Grundsatz neu erklären müsse. Kritik kam auch aus den Reihen der Schulleiter: Alle Schulen hätten das Problem, aber nur das KMG wolle sich aus der Inklusion zurückziehen. Die Probleme anzusprechen müsse erlaubt sein, entgegnete Wolfgang Rußkamp (CDU). Seiner Einschätzung nach war das Thema Inklusion immerhin so brisant, dass es zum Regierungswechsel in NRW geführt hat.

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