Packen an: Jan Kuhle (v.l.), Timo Drekshagen und Ausbilder Lutz Hauch verpacken "Hengst Sam" in ein spezielles Bergetuch. - © Kreisfeuerwehrverband
Packen an: Jan Kuhle (v.l.), Timo Drekshagen und Ausbilder Lutz Hauch verpacken "Hengst Sam" in ein spezielles Bergetuch. | © Kreisfeuerwehrverband

Kreis Herford Feuerwehr übt mit riesigem Plastikpferd

Da liegt ein Pferd auf Feld und Flur

Kreis Herford. Die verängstigte Katze in der Baumkrone, der verirrte Hund im Kanalrohr oder der verletzte Schwan im Klärbecken: Tierrettungen stellen die Feuerwehr oftmals vor besondere Herausforderungen. Ist ein großer und schwerer Vierbeiner betroffen, gilt das umso mehr. Der Kreisfeuerwehrverband hatte aus diesem Grund zu einem "Sicherheitstraining Großtierrettung" auf das Gelände der Kreisfeuerwehrzentrale in Hiddenhausen-Eilshausen eingeladen. Dozent Lutz Hauch, ehemaliger Berufsfeuerwehrmann, Pferdetrainer und Großtierretter mit Zertifikat, zeigte den 20 ehrenamtlichen Feuerwehrleuten, welche Maßnahmen nötig sind, um verunglückte Pferde, Rinder oder Lamas so schonend wie möglich aus einer Notlage zu befreien, ohne sich dabei selbst in Gefahr zu bringen. Den Wehrleuten aus dem Kreis Herford war in diesem Zusammenhang ein kurioser Fall aus jüngerer Vergangenheit noch äußerst präsent. Im Dezember hatte die Feuerwehr Vlotho eine Stute gerettet, die in den Swimmingpool auf dem Nachbargrundstück gefallen war. Zu Beginn des Seminars zeigte der Dozent, wie es nicht geht. Und die Videoaufnahmen, die er abspielte, stimmten die Feuerwehrleute nachdenklich: Quälend lange zerren Helfer mit aller Gewalt ein geschwächtes Pferd an einer Leine aus einem Wassergraben. Shitstrom in Sozialen Netzwerken nach falschem Vorgehen Eine andere Rettungsaktion verläuft aufgrund fehlender Ausbildung und Ausrüstung ähnlich haarsträubend: Ein Rappe hängt - gefesselt an allen vier Beinen - kopfüber am Frontlader eines Traktors. Ein Landwirt, dessen Kuh sich in einer ähnlichen Situation befindet, benutzt gar seinen Schlepper, um das Tier aus dem Schlamm zu ziehen. "Solch ein Vorgehen ist mit dem Tierschutz nicht vereinbar und führt in den Sozialen Netzwerken meistens zu einem Sturm der Entrüstung", warnt Hauch. Ein Pferd am Kopf, den Beinen oder dem Schweif zu ziehen sei das Schlimmste, was man in einer solchen Situation machen könne. "Ziel sollte es sein, das Tier schonend, schmerzfrei, stressarm und effizient an einen sicheren Ort zu bringen." Wichtig sei, das Tier zu beruhigen, etwa durch Futter. Ebenso müsse an einen Platz für die Freilassung gedacht und ein Tierarzt hinzugezogen werden. Auch ein sicherer Rückzugsweg für die Einsatzkräfte sei wichtig, erklärte Hauch. Schließlich bleibe ein Pferd immer ein Fluchttier, das im ärgsten Fall selbst vom Halter schwer zu beherrschen sei. Gefahren gingen auch von den Tierbesitzern und Tierfreunden am Einsatzort aus. Einer US-Studie zufolge würden 83 Prozent der Halter ihre Gesundheit oder gar ihr Leben riskieren, um ihrem Tier zu helfen. "Die gute Absicht kann schlimme Folgen haben." Für die Praxis hatte Lutz Hauch "Hengst Sam" im Pferdeanhänger mit nach Hiddenhausen gebracht, eine lebensgroße und knapp 200 Kilo schwere Pferdeattrappe. Schon ein ordentliches Gewicht, allerdings bringt ein echtes Pferd durchschnittlich rund 600 Kilo auf die Waage. "Etwa 90 Prozent der Großtiernotfälle können mit Muskelkraft gelöst werden, in den anderen Fällen ist schweres Gerät erforderlich", schilderte Hauch. Nachdem er die Werkzeuge erläutert hatte, machten sich die Feuerwehrleute an die Arbeit. Zunächst bestand die Aufgabe darin, den auf der Seite liegenden Sam aus dem Gefahrenbereich zu schleppen. Jan Busse (Kirchlengern) legte dem Pferdedummy zu Beginn der Rettung ein Notfallhalfter als Kopfsicherung an. Deutschland gibt es fast 3,9 Millionen Reiter und rund 1,3 Millionen Pferde Danach führte Mario Daume (Hiddenhausen) von der Sattelseite aus einen Spezialgurt unter dem Hengst hindurch. Auf der gegenüberliegenden Seite nahmen Holger Klann (Kirchlengern) und Rolf Kuhle (Hiddenhausen) den Gurt aus sicherer Entfernung entgegen. Thorsten Biermann (Spenge) schritt als Sicherheitsassistent sofort ein, sobald sich einer der Retter in die Gefahrenzone am Tier bewegte und damit ein "Pferdetritt drohte". Mit den Gurttechniken gelang es den Wehrleuten, den Hengst Sam sowohl zur Seite als auch nach vorne und hinten zu bugsieren. Anschließend lagerten sie ihn auf einer Schleifplatte und zogen ihn wie auf einem Schlitten über das Übungsgelände. Um die Attrappe aufzurichten rückte das Wechsellader-Fahrzeug der Kreisfeuerwehrzentrale an. Kurz darauf hing Sam am Kranausleger des 26-Tonners. Am Schluss des Trainings stand noch die Tierrettung aus einem Viehanhänger auf dem Programm, denn das damit verbundene Gefahrenpotenzial ist nicht zu unterschätzen. Und der Blick auf die Statistik zeigt, dass solche Unfälle nicht gerade unwahrscheinlich sind: In Deutschland gibt es fast 3,9 Millionen Reiter und rund 1,3 Millionen Pferde. Etwa 1,25 Millionen Menschen betreiben den Reitsport intensiv. Jährlich finden um die 3.600 Turniere statt, bei denen Pferde über die Straße transportiert werden - besser also vorbereitet sein, wenn der Ernstfall eintritt.

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