Frauen kämpfen auch heute noch für die Gleichberechtigung zwischen beiden Geschlechtern. Der Weltfrauentag soll an den Kampf erinnern, der vor 100 Jahren mit dem Frauenwahlrecht erst richtig begonnen hatte. - © dpa
Frauen kämpfen auch heute noch für die Gleichberechtigung zwischen beiden Geschlechtern. Der Weltfrauentag soll an den Kampf erinnern, der vor 100 Jahren mit dem Frauenwahlrecht erst richtig begonnen hatte. | © dpa

Herford Bilanz zum Weltfrauentag: Es bleibt eine Menge zu tun

Weltweit wird heute auf die Kluft zwischen Mann und Frau hingewiesen. Auch in Herford ist die Gleichberechtigung noch lange nicht erreicht

Jonas Gröne

Herford. „Augen auf!", fordert Gaby Böhm von der NGG Bielefeld-Herford zum heutigen Weltfrauentag, „es gibt noch viel zu tun." Im Beruf, auf der Monatsabrechnung oder im Restaurant: Überall haben Frauen heute noch um ihre vollständige Gleichberechtigung zu kämpfen. Heute vor hundert Jahren war der erste Schritt mit dem Frauenwahlrecht getan – weitere müssen noch immer folgen. Belästigungen „Das kennt doch jeder. Er sagt mal „Schätzchen" und meint es vielleicht als Kompliment, aber er macht die Frau in dem Moment zum Objekt", erklärt Gaby Böhm, die sich schon seit den 80er-Jahren für die Frauenbewegung einsetzt. Frauen würden in solchen Situationen zwar gesehen, aber nicht wahrgenommen: „Solche Sprüche sagen aus, dass der Mann sich in dem Moment mit keiner identifiziert. Die Frauen wären nach diesem Verhalten alle gleich. Sie haben aber auch Vornamen und sind Menschen", stellt Böhm klar. Zeit Online veröffentlichte Anfang März einen Artikel mit dem Titel „Berufsrisiko Hand am Hintern", der zahlreiche Geschichten von Belästigungen in der Gastronomie zusammentrug. Angestellte, männlich und weiblich, klagten darin über Belästigungen am Arbeitsplatz. Nach dem Fall Dieter Wedel ist die MeToo-Debatte damit auch in Deutschland angekommen. Die Gewerkschaftlerin Böhm lobt die Aufbruchstimmung, weist aber auch auf die Vergangenheit hin: „Das hat es schon immer gegeben. Die sexuelle Belästigung beginnt in der Pubertät, aber ein einzelner Spruch kann da schon weh tun", weist Böhm auf die Alltäglichkeit von sexueller Belästigung hin und ruft dazu auf, zu intervenieren: „Männer und Frauen müssen diesem Kampf beiwohnen. Das geht nur, wenn sich auch der Vorgesetzte schützend davorstellt und fragt, ob der Ton wirklich sein muss. Auch Männer müssen dazu Mut haben." Ungleiche Bezahlung Seitdem vor gut 100 Jahren das Frauenwahlrecht erkämpft wurde, hat sich einiges in der Gleichstellung zwischen Mann und Frau getan. Dennoch gebe es laut Gerlinde Krauß-Kohn, Leiterin der Frauenberatungsstelle in Herford, weiter Handlungsbedarf: „Frauen machen die Hälfte der Weltbevölkerung aus. Da erscheint es schon merkwürdig, dass Frauen in gut bezahlten, verantwortungs- und machtvollen Positionen immer noch unterpräsentiert sind." Und das gilt nicht nur in börsennotierten Unternehmensvorständen oder auf höchster politischer Ebene, wie bei der CSU, die nur vier Männer fürs Kabinett nominiert hat. Der Herforder Stadtrat ist beispielsweise ist aktuell nur zu einem Viertel weiblich besetzt ist. „Da braucht es Instrumente wie die Quotenregelung, um hier langfristig Veränderungen zu realisieren", empfiehlt Krauß-Kohn. Dass die Stundenlöhne von Frauen im Schnitt niedriger sind, sei ebenfalls kein Geheimnis: „Das sind rund 21 Prozent weniger Lohn. Das ist ein ganz dicker Brocken, den wir noch bearbeiten müssen", sagt die Gleichstellungsbeauftragte Karola Althoff-Schröder von der Stadt Herford. Bundesweit gibt es nun einen Rechtsanspruch der Frauen, die Gehälter von Mitarbeitern in ähnlicher Position zu erfahren: „Das gilt aber nur für Firmen mit über 200 Mitarbeitern", bemängelt Althoff-Schröder. Mitarbeiter kleinerer Firmen hätten nichts davon. Am Montag, 19. März, werde deshalb von 17 bis 20 Uhr im Herforder Kreishaus der Equal-Pay-Day veranstaltet, bei dem sich Gäste über Gehaltsthemen austauschen können. Familie, Arbeit und Armut Diskrepanzen finden sich auch in den Arbeitszeiten wieder. 73 Prozent aller Teilzeit- und Minijobs sind nach Angaben der Agentur für Arbeit in Frauenhand. „Das liegt auch daran, dass Frauen unbezahlte Sorgearbeit leisten. Da kommt gleichzeitig auch weniger Rente raus und das Armutsrisiko bei Alleinerziehenden ist größer. Das hängt alles zusammen", meint Althoff-Schröder. Entwicklungen zeigen sich auch im Kreis Herford: Die Beschäftigungsquote hat in den vergangenen 10 Jahren um 8.6 Prozent zugenommen. Dies betrifft aber nicht alle Berufsfelder gleichermaßen, so steigert sich der Anteil von Frauen, die sich für eine Tätigkeit im sogenannten MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaftem, Technik = MINT) entscheiden, bisher kaum. Gewalt gegen Frauen Dem Bundesministerium (FSFJ) zufolge haben 40 Prozent der in Deutschland lebenden Frauen seit ihrem 16. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren. Im Oktober letzten Jahres sorgte die Weinstein-Affäre für Furore und löste die #MeToo-Debatte aus. Eine Debatte, die betroffene Frauen weltweit zu Wort kommen ließ: „#MeToo schaffte die Aufmerksamkeit für Gewalt, die viele Frauen erfahren und quer durch alle Bevölkerungsschichten gehen", sagt Krauß-Kohn und weist darauf hin, dass das Ausmaß der Gewalt und die Machtdynamiken dahinter nicht neu seien, nur eben nicht so thematisiert worden seien. Die Frauenberatungsstelle Herford berät Frauen seit vielen Jahren zu Themen wie häuslicher oder sexualisierter Gewalt. Auch, wenn „Frauen sich heute trauen, eher aus der Spirale der Gewalt auszusteigen", so Krauß-Kohn.

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