Mitreißend: Susanne Bard hat als alternde Marlene Dietrich noch einmal Abendrobe, Perücke und Pelzstola angelegt – und gibt als „The Kraut" eine Abschiedsvorstellung. - © Philipp Tenta
Mitreißend: Susanne Bard hat als alternde Marlene Dietrich noch einmal Abendrobe, Perücke und Pelzstola angelegt – und gibt als „The Kraut" eine Abschiedsvorstellung. | © Philipp Tenta

Herford "The Kraut": In der Traumrealität von Marlene Dietrich

Die Sängerin und Schauspielerin Susanne Bard entführt das Herforder Stadttheater in die verschlossene Welt von Marlene Dietrich

Philipp Tenta

Herford. Zugedeckt mit ihrem Pelzmantel liegt die gealterte, aber zeitlose Marlene Dietrich im Bett und malt sich ihr bevorstehendes Staatsbegräbnis aus. Neben der Dietrich hat offensichtlich niemand anderer Platz auf der Bühne des Herforder Stadttheaters. Ihr sie umsorgender Lebenspartner und Pianist, Jens-Uwe Ulrich, scheint nicht einmal einen Namen verdient zu haben. Und auch Darstellerin Susanne Bard scheint selbst zur Marionette der Filmdiva zu werden. Das Zweipersonenstück von Dirk Heidicke lässt das Publikum vollständig in die Traumrealität Marlene Dietrichs eintauchen. Wann stehen wir hier vor einer faszinierenden Ausnahmekünstlerin und wo beginnt die paranoide Selbstüberschätzung? Das Theaterstück will ganz bewusst keine Antwort darauf geben, sondern fasziniert, weil es einen mitnimmt in die verschlossene Welt der einsam gewordenen Diva. Sie kramt aus alten Schuhkartons die Erinnerungen an verflossene Männerfreundschaften, allen voran Remarque und Hemingway. Von Hemingway hatte sie auch den von ihr geliebten Kosenamen „The Kraut“ erhalten, der zum Titel der beeindruckenden Performance gewählt wurde. Beklemmende Komik und tragische Leichtigkeit Im zweiten Teil des Abends zieht Marlene Dietrich über ihre Konkurrentinnen auf der Filmleinwand her und persifliert deren fehlende stimmliche Kompetenz. Da die Fanclubs von Zarah Leander, Marika Rökk und Pola Negri im Publikum vermutlich sehr klein geworden sind, ist die Komik ihrer Verulkung sicher für nur wenige nachvollziehbar gewesen. Sicher hätte Susanne Bard ohne die Dietrich eine viel bessere Inkarnation der rivalisierenden Filmikonen auf die Bühne stellen können. Zuletzt aber greift die Dietrich zum letzten Mal zu Abendrobe, blonder Perücke und Pelzmantel und gibt so eine mitreißende Abschiedsvorstellung. Die Regie von Klaus Noack vereint beklemmende Komik und tragische Leichtigkeit. Dirk Heidicke hat mit „The Kraut“ seinen Interpreten ein berührendes und intelligentes Theaterstück auf den Leib geschrieben, das ganz ohne zeitgeschichtliche Belehrungen auskommt. Jens-Uwe Günther, der scheinbar diskrete Pianist im Hintergrund, war auch für die musikalische Konzeption und Leitung verantwortlich. Susanne Bard ist als vielseitige Schauspielerin und Sängerin am Staatstheater Wiesbaden und den Magdeburger Kammerspielen engagiert. Neben ihren musikalischen Soloabenden steht sie etwa in Magdeburg auch als Mephisto auf der Bühne.

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