Gemischte Gruppe: Anna Scheibner(v. l.), Maria Vetter, Lisa Weimer, Monika Heinis, Mariel Sketsch, Petra Cost, Benjamin Eimler und Lennart Budde von den beiden Frauenkollegs haben bereits Kontakte nach Frankreich geknüpft und wollen im Mai aufbrechen. - © Ralf Bittner
Gemischte Gruppe: Anna Scheibner(v. l.), Maria Vetter, Lisa Weimer, Monika Heinis, Mariel Sketsch, Petra Cost, Benjamin Eimler und Lennart Budde von den beiden Frauenkollegs haben bereits Kontakte nach Frankreich geknüpft und wollen im Mai aufbrechen. | © Ralf Bittner

Herford Geschichtsverein entsendet Kundschafter an Orte in Europa

Im Europäischen Kulturerbejahr entsendet der Geschichtsverein junge Kundschafter an Orte in Europa, zu denen es im Mittelalter Verbindungen gab. Im Zentrum steht die Geschichte des Herforder Damenstifts

Ralf Bittner

Herford. "Mich interessieren die Rollen, die Frauen in der Geschichte gespielt haben", sagt Anna Scheibner vom Anna-Siemsen-Berufskolleg. Sie gehört zu 40 Schülern und Lehrern, die zum Auftaktworkshop des vom Herforder Geschichtsverein initiieren Projektes "Ungewöhnliches Mittelalter - Frauen mit Einfluss und europäischen Kontakten" gekommen waren. Zum Start gibt es historische Fakten satt. Pfarrer Johannes Beer führt durch das Münster, erläutert Symbole, Heiligenbilder und Inschriften. Bisher wurden keine Spuren der ersten Kirche in Herford gefunden. Das später erbaute Münster ist das einzige erhaltene Bauwerk des 795 gegründeten Stifts. Darüber, was der Boden an archäologischen Spuren rund um das Münster freigegeben hat, berichtet nachmittags der OWL-Chefarchäologe Sven Spiong. Ziel ist die Wiederentdeckung vergessenen Erbes Die beiden Vorträge vermitteln einen ersten Eindruck davon, wie wichtig Herford im frühen Mittelalter war, welche Rolle die Frauen des Stiftes spielten und wie weit verzweigt die europäischen Netzwerke damals waren, mehr als tausend Jahre vor der Erfindung des Nationalstaats im 19. Jahrhundert. "Die mittelalterlichen Frauenstifte gehören zu dem Teil des kulturellen Erbes, der weithin Vergessenheit ist. Wir wollen dafür sorgen, dass er wiederentdeckt wird und dass über die Frauen gesprochen wird, die sich zu einem gemeinsamen Leben zusammengefunden, die sich um Arme und Schwache gekümmert und Wissen bewahrt und weitergegeben haben", sagt Jeannine Gehle die das Projekt für den Geschichtsverein betreut. Das "Ungewöhnliche Mittelalter" gliedert sich für die Teilnehmer in drei Teile. Zum einen werden sich die am Projekt beteiligten Schüler mit der Geschichte der Kirche des Frauenstifts, der heutigen Münsterkirche, und den dort noch vorhandenen Spuren beschäftigen. Ziel ist es, diese über einen Audioguide oder eine Smartphone-App für Besucher zugänglich machen. Außerdem werden Jugendliche als Kundschafter zu europäischen Orten, die im frühen Mittelalter mit Herford verbunden waren, entsandt. Sie sollen Bezüge zu Herford aufspüren und darüber berichten. Höhepunkt soll der "Herforder Stiftstag" am 9. September sein, der die Bedeutung des Stiftes und der "Frouwen von Herford" ins Zentrum rücken soll. Hier können die Kundschafter ihre Entdeckungen vorstellen. "Außerdem hoffen wir, dass es gelingt, Kontakte zu Jugendlichen in den besuchten Städten zu knüpfen, die wir dann in Herford begrüßen können", sagt Gehle. Bisher sind drei Zielorte für die Kundschafterreisen angedacht. Im französischen Soissons geht es um das Herforder Mutterkloster. Im englischen York gilt es, das Wirken des Stiftsgründers Waltger aufzuspüren, der dort Inspiration durch den Heiligen Oswald und dessen Reliquien fand. In Island lässt sich das Wirken des in Herford ausgebildeten ersten Bischofs auf der Insel, Isleif, verfolgen. Die Reisegruppen sollen acht Personen umfassen, sechs Schüler plus zwei Lehrkräfte. Sollte die Zahl der Interessierten weiter hoch bleiben, könnte noch Quedlinburg als Ziel dazukommen: Hier ist Königin Mathilde in der Kirche des von ihr gegründeten Stifts begraben. Die Gattin Heinrichs I. wurde im Herforder Stift erzogen. »Mich reizt, dass Geschichte wirklich greifbar wird« Die Interessenten am Projekt kommen von den drei Herforder Gymnasien, der Otto-Hahn- und der Ernst-Barlach-Realschule, vom Wilhelm-Normann (WNB)-, vom Anna-Siemsen (ASB)- und vom Elisabeth von der Pfalz Berufskolleg (EvdP). "Das begehrteste Ziel ist Island", sagt Gehle. Anders sieht es bei der gemischten Gruppe vom ASB und EVdP aus. Die "Frauenkollegs" haben schon Kontakt zum Frauenkloster in Soissons und zu einer Schule der Region aufgenommen, die wie die beiden Kollegs Bildungsgänge im sozialen Bereich anbietet. Am evangelischen Kolleg war die Stiftgeschichte während der vergangenen Monate oft Thema. Anlass ist 400. Geburtstag der Namenspatronin des Kollegs. Die Phase des frühen Mittelalters ist aber für die Kollegiaten neu. Natürlich habe er als historisch Interessierter schon vom Stift und der Gründungsgeschichte gehört, sagt Lennart Budde. "Mich reizt, dass so Geschichte wirklich greifbar wird."

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