Doris Eichholz setzt sich unter anderem in den politischen Gremien für die Natur ein. - © Frank-Michael Kiel-Steinkamp
Doris Eichholz setzt sich unter anderem in den politischen Gremien für die Natur ein. | © Frank-Michael Kiel-Steinkamp

Herford Naturschutzexpertin kritisiert die vielen Baumfällarbeiten in Herford

Interview: Doris Eichholz vom Bund für Umwelt und Naturschutz über alte Bäume, die in der Stadt gefällt werden, die Gründe für das Insektensterben und was jeder einzelne dagegen tun kann

Corina Lass

Auf dem Wilhelmsplatz sind gerade viele Bäume gefällt worden, die Johannis-Kirche plant, auf ihrem Grundstück auszudünnen, am Neuen Marktes verschwinden acht Linden und ein Trompetenbaum, die Achse zwischen Marta und Münster hätten die Planer gerne baumfrei. Bäume scheinen zur Zeit keine große Relevanz zu haben. Wie sehen Sie das? Doris Eichholz: Mir macht das Sorgen. Gut, es werden auch neue Bäume gepflanzt. Und manche Bäume müssen gefällt werden, wenn sie krank oder zum Beispiel durch Windbruch gefährdet sind. Aber manches Mal denke ich: Das wäre jetzt nicht nötig gewesen. Woran liegt's, dass trotzdem gefällt wird? Eichholz: Wenn man die Leute fragt, sagen sie: Wir bemühen uns doch . . . Aber möchte ein Investor bauen, geben ihm die Politiker schnell nach, wenn er Ansprüche stellt. Dabei sollte es der Stadt doch möglich sein, dem Bauherren angesichts eines stadtbildprägenden Baumes zu sagen: Den möchten wir erhalten. Bitte plane entsprechend. Auf dem Wilhelmsplatz sind auch Bäume für einen Parkplatz gefällt worden. Eichholz: Ja, auf dem Plan sieht das gar nicht so wild aus. Aber wer direkt dort wohnt, der freut sich bestimmt nicht. Das ist völlig klar. Auf dem Wilhelmsplatz verschwinden allerdings an anderer Stelle auch Parkplätze. Und es sind andere Anlieger, die sagen: Wir brauchen die Parkplätze. Was sagen Sie dazu, dass sich die Anlieger des Neuen Markts, die keine Linden mehr wollten, durchgesetzt haben? Eichholz: Das kann ich nicht nachvollziehen. Die Parkplätze sollen ja wegfallen. Wen stört dann der Honigtau der Linden noch? Der fällt ja aufs Pflaster. Angeblich sollen dort Bänke platziert werden, aber wenn da jetzt keine Bänke stehen, dann brauchen da auch in Zukunft keine hin. Die Händler wollen freie Sicht auf ihre Häuser. Eichholz: Das stimmt. Das Wulferthaus ist ja auch sehr schön, ebenso wie das Fachwerkhaus auf der Ecke. Aber das Haus in der Mitte, in dem der Optiker sitzt, ist eine regelrechte Bausünde. Darauf wird der Blick in Zukunft besonders gelenkt. Dabei haben die Händler auch jetzt schon freien Blick auf ihre Geschäfte. Die Krone der Bäume ist hoch genug, dass man die Geschäfte sieht. Dürfen die Anliegerwünsche Ihrer Meinung nach überhaupt ein Argument dafür sein, dass ein Baum gefällt wird, der da womöglich schon 30 Jahre steht? Eichholz: Jedenfalls dann nicht, wenn die Bäume durch die Baumschutzsatzung geschützt sind, wie das bei einem der Fall war. Aber eine Befreiung von der Satzung ist in Herford ziemlich leicht zu bekommen. Ich finde das vor allem deshalb so schade, weil Linden blühen und Bienen anziehen. Und jetzt kommen Gleditschien dorthin, die in Deutschland nicht einmal heimisch sind. Wird sich das Fehlen der Linden am Neuen Markt bemerkbar machen? Eichholz: Ja, auf jeden Fall. Die haben viel Stickoxid gefiltert und in der Sommerhitze Schatten gespendet. Was halten Sie von der Idee, das Aa-Ufer an der Sparkasse mit einer Freitreppe und die Wasserkante vor dem Kino mit einem Gehweg zu versehen? Eichholz: Ich kann mich mit den Plänen anfreunden. Im Moment fließt die Aa ja tief unten, begrenzt von von Betonmauern. Man könnte aber überlegen, ob es für den Weg an der Wasserkante nicht etwas Naturnäheres als Beton gibt. Gibt es auch Bedenken gegen die Umbaupläne? Eichholz: Am meisten Angst habe ich um die Trauerweide auf der Hertabrücke. Bei der vorgestellten Planung war sie nicht mehr zu sehen. Sie steht zwar sehr schräg, ist aber wunderschön. Gleiches gilt für die beiden Ulmen, die am Radewiger Wehr am Stadtgraben stehen. Sie sind schön groß. Auch diese Bäume habe ich auf dem Plan nicht mehr gesehen. Sie müssten allein schon deswegen erhalten bleiben, weil sie als einzige in der Stadt das Ulmensterben überlebt haben. Wenn man die fällen würde, wäre ich stinksauer. Wie steht es nach Ansicht des BUND um Hecken und Gebüsch, das ja etwa auf dem Wilhelmsplatz verschwindet? Eichholz: Das stört uns sehr. Das sah vielleicht alles nicht so doll aus, aber dass da jetzt Bäume und sonst nichts stehen sollen. . . Damit verschwinden Lebensräume. Apropos Lebensräume: Vermutlich sind 80 Prozent der Insekten weg. Muss sich die Stadt nach BUND-Ansicht in diesem Bereich engagieren? Eichholz: Das macht sie schon, zum Beispiel sät sie Blumen auf Verkehrsinseln, was ja wirklich schön aussieht. Besser wäre es noch, wenn es heimische Blumen wären. Aber die Blumen sind schön bunt, und, okay, das ist dann auch was fürs Auge. Nun wird eine Blumenwiese erst dann ökologisch wertvoll, wenn sie vier, fünf Jahre Ruhe hat. Dann hätten auch Insekten, die sich im Boden verpuppen, eine Chance. Eichholz: Das ist mit diesen Blütenmischungen nicht möglich. Die sind einjährig. Wenn man diese bunten Blüten haben will, muss man sie wieder aussäen. Aber bei den Ackerrandstreifen, die von den Landwirten nach und nach immer mehr umgepflügt worden sind, tut sich was. Was denn? Eichholz: Der Kreis Herford hat den Kommunen Karten zur Verfügung gestellt, aus denen zu erkennen ist, dass und wo Landwirte kommunalen Grund und Boden mit bewirtschaften. Wir vom BUND sind schon tätig geworden und haben in Zusammenarbeit mit der Stadt verschiedene Wildstauden gepflanzt: auf dem Seitenstreifen der Straße Im Barrenholze und an einer Böschung an der Straße Im Kuhnholt Richtung Exter. Margeriten zum Beispiel, Odermennig und Moschusmalve. Wie viel haben Sie gepflanzt? Eichholz: Eine Menge. Die Böschung haben wir ziemlich zu gepflanzt. Die Kosten für die Stauden hat die Stadt übernommen, die hat dafür einen Etat. Im Frühjahr sät die Stadt an fünf weiteren Stellen im Außenbereich mehrjährige Blumen auf Randstreifen. Also Sie haben jetzt nicht auf Ackerrandstreifen gepflanzt, oder? Eichholz: Das waren eine Böschung und ein Wiesenrandstreifen. Die Landwirte haben also keine Flächen an die Natur zurückgegeben? Eichholz: Nein, das sollen sie aber noch. Halten Sie die Landwirte für verantwortlich am Insektensterben? Eichholz: Ja, zum großen Teil. Schon wegen der immer intensiveren Landwirtschaft, wozu auch der Einsatz von Glyphosat gehört. Das ist ein Ackergift, das alles tötet, auch die Wildpflanzen, die für die Insekten so wichtig sind. Deswegen waren wir auch dafür, es zu verbieten. Aber nun darf es ja fünf weitere Jahre auf die Äcker gebracht werden. Und die Menschen in der Stadt könnten auch mehr tun, allein schon in ihren Gärten. Was könnten die tun? Eichholz: In den Schotterbeeten, die zur Zeit so modern sind, finden Insekten keine Nahrung, da stehen vielleicht auch ein paar grüne Pflanzen, die aber nicht blühen. Das ist nicht sinnvoll. Und dann würde ich den Menschen wünschen, dass sie mehr Wildnis zulassen. Vielleicht mal eine Ecke, wo der Rasen nicht gemäht wird, wo Brennnesseln stehen dürfen, wo Raupen Nahrung finden, denn viele Schmetterlinge sind auf Brennnesseln angewiesen. In aufgeräumten Gärten finden sie nichts. Was halten sie von Laubsaugern und -bläsern. Eichholz: Schlimm! Die saugen und blasen alles weg.

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