Beratungssprechstunde: Spiridula Milioni, Talentscout für die Fachhochschule Bielefeld, möchte Schüler wie Isaak Spitzer (l.) und Samuel Osmani dazu ermutigen, nach dem Abitur ein Studium aufzunehmen. - © Lena Henning
Beratungssprechstunde: Spiridula Milioni, Talentscout für die Fachhochschule Bielefeld, möchte Schüler wie Isaak Spitzer (l.) und Samuel Osmani dazu ermutigen, nach dem Abitur ein Studium aufzunehmen. | © Lena Henning

Herford Nur wenig Arbeiterkinder an den Unis - Talentscouts sollen unterstützen

Nur 23 Prozent der Kinder von Nicht-Akademikern studieren. Scouts der Universitäten und Hochschulen aus OWL helfen

Lena Henning

Herford. Die Zahlen sind eindeutig: Von 100 Akademikerkindern studieren 73. Nur 23 sind es dagegen in Familien, in denen die Eltern nicht studiert haben. „Genau da setzen wir an", sagt Spiridula Milioni. Sie ist Talentscout. Für die Fachhochschule Bielefeld fördert und berät sie Schüler, für die die Universität eine fremde Welt ist. Unter dem Namen „Campus OWL" haben sich die Universitäten Bielefeld und Paderborn, die Fachhochschule Bielefeld und die Hochschule Ostwestfalen-Lippe zusammengeschlossen und bieten das Talentscouting in den jeweiligen Kreisen an. Das Ziel: Nicht die soziale Herkunft soll über den Bildungsweg entscheiden, sondern das Talent. Schüler sollen die gleichen Bildungschancen haben, unabhängig vom Einkommen oder Bildungsstand der Eltern. Die Schüler bestärken und ihnen Mut machen, darin sieht Spiridula Milioni ihre Aufgabe. „Wir öffnen Türen, durchgehen müssen die Schüler aber selbst." Sie ist für fünf Schulen im Kreis Herford zuständig, darunter auch die Gesamtschule Friedenstal. Ohne Rückhalt in der Familie fällt der Gang an die Uni schwer Einmal im Monat bietet sie Beratungsgespräche an. Und die Schüler kommen mit den unterschiedlichsten Fragen zu ihr: Welche Voraussetzungen muss ich erfüllen, um Medienwissenschaft zu studieren? Was ist überhaupt ein Semester? Wie bekomme ich ein Stipendium? Schüler, die den Rückhalt aus der Familie nicht haben, tun sich schwerer damit, ein Studium aufzunehmen. Weil die finanziellen Möglichkeiten fehlen, weil sie „lieber was Vernünftiges" lernen sollen, oder weil die Eltern sich in dem fremden Kosmos „Universität" selbst nicht auskennen. Allein die Fülle an Studiengängen, die es inzwischen gibt, überfordert viele. „Wir sind Lotsen", sagt Milioni. Die Beratungsgespräche führe sie ergebnisoffen. „Manchmal kommt dann eben auch dabei heraus, dass jemand besser für eine Ausbildung geeignet ist." Wenn sich eines ihrer Talente für ein Studium entscheidet, begleitet sei denjenigen auch in der ersten Zeit des Studiums. Denn auch da ergeben sich oft noch viele Fragen und Schwierigkeiten. "Schnell mal den Überblick verlieren" „Sehr hilfreich" findet Isaak Spitzer (17) die Talentförderung. Er geht in die 12. Klasse (Q1) und will Chemie studieren. „Ich bin immer wieder unsicher, weil es so viel zu beachten gibt – da kann man schnell mal den Überblick verlieren", sagt er. So ein BAföG-Antrag könne zum Beispiel kompliziert sein. Aber auch die ganzen Formalitäten rund um das Studium seien verwirrend – welche Fristen einzuhalten sind oder wie man sich einschreibt. Das Problem sei nicht, dass die Informationen fehlen. „Man kann alles irgendwie auf irgendeiner Internetseite herausfinden", sagt Lehrer Frank Schröder, der an der Gesamtschule für die Studien- und Berufsorientierung. Die große Schwierigkeit für Schüler bestehe darin, die Fülle an Informationen zu filtern. Samuel Osmani (19) beispielsweise hat mithilfe von Spiridula Milioni während der Osterferien ein einwöchiges Schnupperstudium in Münster ergattert. „Ohne ihre Beratung hätte ich das nie gefunden", sagt er. Er will unbedingt Medizin studieren, aber gerne in der Nähe der Heimat bleiben. Seine Familie unterstützt ihn, aber das Studium sei „schon eine andere Welt". Durch die Beratung fühle er sich sich in seinem Berufswunsch bestätigt.

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