Offene Tür und Willkommensatmosphäre: Die Mitarbeiter Andrea Uemann (l.) und Manni Gerdes (2. v. r.) unterhalten sich beim Tagesaufenthalt an der Hermannstraße mit den Besuchern Christin Logemann und Tobias Blum. - © Frank-Michael Kiel-Steinkamp
Offene Tür und Willkommensatmosphäre: Die Mitarbeiter Andrea Uemann (l.) und Manni Gerdes (2. v. r.) unterhalten sich beim Tagesaufenthalt an der Hermannstraße mit den Besuchern Christin Logemann und Tobias Blum. | © Frank-Michael Kiel-Steinkamp

Herford Neuer Treffpunkt für die Trinkerszene

Die Diakoniestiftung hat im Haus Hermannstraße einen Tagesaufenthalt eingerichtet, wo der Konsum von Bier und Schnaps ausdrücklich erlaubt ist. Die Grünen arbeiten weiter am Fall des Verbots

Eike J. Horstmann

Herford. Das Verbot ist rigoros: An mehreren Stellen in der Herforder Innenstadt ist es seit dem Ratsbeschluss von Ende September streng untersagt, öffentlich Alkohol zu konsumieren. Gleichzeitig wurde allerdings auch beschlossen, dass den vom Verbot betroffenen Menschen ein alternativer Treffpunkt geboten werden sollte. Dieser wurde Anfang Dezember mit dem Tagesaufenthalt im Haus Hermannstraße der evangelischen Diakoniestiftung Herford geschaffen. Werktags von 9 bis 17 Uhr öffnet sich die Tür für den Aufenthaltsraum, in dem Sozialarbeiter und Hilfskräfte ihren Besuchern das Gefühl vermitteln wollen, willkommen zu sein. Es gibt eine Leseecke, Spiele, Zeitungen, einen Internet-Zugang - und die Möglichkeit, in dem geschützten Raum neben Tee oder Kaffee auch Alkohol zu trinken. Nach rund einem Monat zieht die Leiterin des Sozialberatungsdienstes der Diakoniestiftung, Bettina Schelkle, ein durchaus positives Fazit. "Dafür, dass der Tagesaufenthalt erst seit wenigen Wochen läuft, sind die Zahlen ganz gut", sagt Schelkle. Etwa 15 Besucher würden täglich das Angebot annehmen. Streng genommen hat es die Anlaufstelle schon vor dem Alkoholverbot gegeben - allerdings in schmalerer Form und ohne finanzielle Unterstützung der Stadt Herford. Werktags von 9 bis 12.30 Uhr standen die Räume als "Wartebereich" für den Sozialberatungsdienst (SBD) der Diakoniestiftung als ein offenes Angebot allen Besuchern zur Verfügung. Durch die Nähe sollte das Beratungsangebot der Stiftung möglichst niedrigschwellig gehalten werden. Dazu gehörte und gehört, laut Schelkle, dass die Besucher oder "Klienten" auch "friedlich ihr Bierchen picheln" können. Die Betonung liegt hier indes auf friedlich: Wer unangenehm auffällt, pöbelt oder gar gewalttätig wird, wird des Hauses verwiesen. Allerdings nicht auf Dauer: "Dann wird gesagt:, Du gehst mal besser für heute? oder ,Du kommst in einer Stunde wieder?", sagt Schelkle. "Wir glauben fest daran, dass man das Verhalten ändern kann. Aber naiv sind wir nicht, wir arbeiten viel mit alkoholkranken Menschen." Gleichwohl sich diese Menschen nun in einer betreuten Atmosphäre treffen können, kritisiert Schelkle die Verdrängung des Personenkreises per Ratsbeschluss scharf. "Der Tagesaufenthalt ersetzt nicht den öffentlichen Raum", sagt Schelkle, die klarstellt, dass die Stiftung durch das Angebot das Alkoholverbot keinesfalls "flankieren" wolle. "Das hielte ich auch für falsch." Vielmehr solle die bislang hitzige und "verkürzte Diskussion" mit mehr Ruhe, Gelassenheit und auch menschenfreundlicher geführt werden. "Man sollte nicht gucken, wo man die Leute weghaben will, sondern Netzwerke bilden, um die Menschen in die Gesellschaft wieder einzubinden." Für einen Fehler halten auch die Grünen das Alkoholverbot in der Innenstadt. Deshalb wollen sie die Entscheidung des Rates kippen - auch mit juristischen Mitteln. "Wir sind weit in der Prüfung, man kann davon ausgehen, dass es etwas wird", sagt Herbert Even, stellvertretender Sprecher der Grünen-Ratsfraktion. Einen direkten Weg zu einem Gerichtsprozess haben die Grünen nicht, da sie als Fraktion nicht gegen einen Beschluss des Rates Klage einreichen können. Sobald aber konkret ein Fall vorliegt, in dem jemand wegen eines Verstoßes gegen das Verbot belangt werden soll, könne es zum juristischen Streit kommen. "Wir müssen allerdings nicht darauf warten, dass sich ein Betroffener bei uns meldet", so der Politiker. Im Zweifel müsse man sich eben selbst in eine der Verbotszonen stellen und sich "erwischen" lassen. Even verweist in diesem Zusammenhang auf eine Aktion im Dezember, bei der die Grünen mit einem kollektiven Umtrunk in der Innenstadt gegen das Verbot protestierten - indes ohne rechtlich von Mitarbeitern der Stadt belangt worden zu sein (die NW berichtete). So oder so zeigen sich die Grünen optimistisch: "Wir werden das Alkoholverbot zu Fall bringen. Es wird nicht lange in Herford bestehen bleiben."

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