Messerstecher-Prozess: Das Urteil wurde im Bielefelder Landgericht verkündet. - © Oliver Krato
Messerstecher-Prozess: Das Urteil wurde im Bielefelder Landgericht verkündet. | © Oliver Krato

Herford Urteil im Messerstecher-Prozess: Täter muss für vier Jahre ins Gefängnis

Gericht: Trotz der bei beiden Angeklagten attestierten Schwere der Tat zeigt sich der Vorsitzende bei der Urteilsverkündung vorsichtig optimistisch

Eike J. Horstmann

Herford. Die Ursache blieb nebulös, auch der genaue Hergang der Tat, die am 28. März 2017 erst am Marktkauf Herford und später auch an den Krankenhäusern der Stadt für einen Aufruhr gesorgt hatte, konnte nicht endgültig geklärt werden. Letztlich waren es die Aufnahmen von Überwachungskameras und auch die Geständnisse der Angeklagten, auf die der Vorsitzende Richter des Bielefelder Landgerichtes, Carsten Nabel, sein Urteil gegen den 19-jährigen Haupttäter Volkan B. und den 15-jährigen Mittäter Pertev K. gründete. Wegen „gefährlicher Körperverletzung in zwei Tateinheiten" verurteilte Nabel den einschlägig vorbestraften Volkan B. zu vier Jahren Jugendstrafe, gegen Pertev K. wurde eine Bewährungsstrafe von eineinhalb Jahren verhängt. Trotz der Bewährung wird auch der zum Tatzeitpunkt erst 14 Jahre alte Jugendliche ins Gefängnis müssen: Er muss für zwei Wochen einen „Warnschussarrest" absitzen, zudem wurde er zu 150 Stunden gemeinnütziger Arbeit verdonnert. Tathergang bleibt nebulös Dem Gericht stellte sich der Tatablauf – trotz größtenteils unbrauchbarer Aussagen eher ungewillter oder auf Verschleierung erpichter Zeugen und zahlreicher, im Umfeld des Prozesses gestreuter Gerüchte – wie folgt dar: Der Angeklagte Volkan B. war am Nachmittag des 28. März an einem Café am Marktkauf mit einem Widersacher in Streit geraten und von diesem unvermittelt mit der Faust ins Gesicht geschlagen worden. Daraufhin entwickelte sich eine handfeste Schlägerei, in die auch die umstehenden Jugendlichen und junge Erwachsenen eingriffen. B. holte in einer kurzen Kampfpause ein Messer, auch Pertev K. ließ sich ein Messer geben. Davon eingeschüchtert ergriffen die Kontrahenten die Flucht durch den Einkaufsmarkt, die Angeklagten nahmen die Verfolgung auf und stellten ihre Gegner an einer Auffahrt zur Dorotheenstraße. Hier versetzte B. einem Opfer einen Stich in die Brust und in die linke Achsel, K. erwischte einen weitere Jugendlichen mit der Klinge an der Hand. Erst als bereits geflohene Mitglieder der rivalisierenden Gruppe zum Tatort zurückkehrten, ließen K. und B. von ihren Opfern ab und flohen nun ihrerseits. Aufnahmen zeigen unkontrollierte Wut In seiner Urteilsbegründung machte Nabel keinen Hehl daraus, wie fassungslos ihn die Tat gemacht habe. Die Video-Aufnahmen der gewalttätigen Auseinandersetzung hätten eine „rasante Eskalation" und „unkontrollierte Wut" gezeigt, beide Seiten hätten – nachdem der erste Schlag ausgeführt worden war – umgehend zu Waffen gegriffen und diese auch mit „hemmungsloser Wucht" gegeneinander eingesetzt. Ein versuchter Totschlag – wie von Oberstaatsanwaltschaft Christoph Mackel angeführt – lag laut Nabel dennoch nicht vor, da die beiden Angeklagten aus freien Stücken von der Tat zurückgetreten und geflüchtet seien. Dennoch seien die Verletzungen „potenziell tödlich" gewesen, womit er die „besondere Schwere der Schuld" begründete. „Es war unendlicher Dusel, dass da keiner tot liegengeblieben ist", so der Richter. Die von der Verteidigung angeführte Notwehrlage konnte Nabel ebenso wenig ausmachen. Zwar hätte eines der späteren Opfer den ersten Schlag ausgeführt, nach der Kampfpause habe sich das Blatt aber grundlegend gewendet. Ab da seien die beiden Angeklagten „zwei bewaffnete Männer" gewesen, die „Flüchtende verfolgt" und angegriffen hätten. Angeklagte sollen Lehren ziehen Trotz der ungezügelten Gewalt und der kaum nachvollziehbaren Aggression zeigte sich Carsten Nabel abschließend optimistisch, dass die Angeklagten ihre Lehren aus dem Urteil ziehen würden. Volkan B. hätte in seinem spät erfolgten Geständnis Einsicht und Reue gezeigt und zudem durchblicken lassen, dass er die Haftstrafe für eine Ausbildung nutzen wolle. Pertev B. wiederum sei strafrechtlich noch nicht in Erscheinung getreten und habe sowohl als guter Schüler und mit einem intakten Elternhaus gute Chancen, dass die Tat „als Einzelfall stehen" bleibe. Seine abschließenden Worte richtete Nabel indes an die Eltern und Verwandte der Angeklagten. „Es ist mir unverständlich, dass es erst so weit kommen musste", so der Richter. Er verstehe nicht, dass man es als Erziehungsberechtigte mitunter sehenden Auges zuließe, dass die Kinder bewaffnet herumliefen und dass es womöglich sogar gefördert werde, an Kontrahenten Rache zu nehmen. „So etwas ist nicht zu tolerieren", sagte Nabel. „Das führt ins Unglück."

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