Vor dem Bundesgerichtshof: Strafverteidiger Christian Thüner und Deborah Weinert in Karlsruhe. - © privat
Vor dem Bundesgerichtshof: Strafverteidiger Christian Thüner und Deborah Weinert in Karlsruhe. | © privat

Vlotho/Herford Prozess gegen Vlothoer Schülerin wegen Mordes wird neu aufgerollt

Revision erfolgreich: Herforder Strafverteidiger sehen viele offene Fragen in dem Fall. Eine entscheidende konnte nicht mal in Ansätzen beantwortet werden

Jobst Lüdeking

Vlotho/Herford. Das Verfahren gegen die Vlothoer Schülerin, die wegen Mordes an ihrem Stiefvater und dem Messerangriff auf ihre Mutter im Frühjahr 2016 zu neun Jahren Haft verurteilt worden war, wird nach einer Entscheidung des Bundesgerichtshofs (BGH) vor einer anderen Jugendkammer des Landgerichts Bielefeld neu aufgerollt. Ein wichtiger Formfehler ist dafür der Auslöser: Normalerweise gibt es vor der Urteilsverkündung das sogenannte letzte Wort – im Fall der minderjährigen Vlothoerin hätte ihr als Vormund eingesetzter Onkel diese Stellungnahme abgeben dürfen. Das konnte er aber nicht, weil er vom Gericht nicht befragt wurde. „Dieses sogenannte letzte Wort eines Angeklagten oder – wie in diesem Fall – eines Erziehungsberechtigten hat im Strafrecht und für den Bundesgerichtshof einen ungeheuer hohen Stellenwert", erklärt die Herforder Strafverteidigerin Deborah Weinert, die mit ihrem Kollegen Christian Thüner das Verfahren vor den BGH gebracht hatte. Nach diesen letzten Worten – etwa Entschuldigungen oder Wiedergutmachungsbeteuerungen – ziehe sich ein Gericht direkt zur Beratung über das Urteil zurück. Im Fall der Vlothoerin hatte der Onkel des Mädchens die Vormundschaft übernommen. Denn die Mutter trat als Opfer und Nebenklägerin im Prozess auf. Die Mutter hatte nach dem Urteil ebenfalls – aber erfolglos – Revision beim BGH einlegen lassen. Ihr Ziel war es, die gegen sie gerichteten Messerstiche als versuchten Mord bewerten zu lassen. Die Bielefelder Jugendkammer war von gefährlicher Körperverletzung ausgegangen. „Jetzt beginnt das Verfahren wieder bei Null", erklärt Strafverteidiger Christian Thüner. In dem Prozess, der auf Grund des Alters der Angeklagten unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, hatten Deborah Weinert und er einen Freispruch für ihre zur Tatzeit 16-jährige Mandantin gefordert. Es gebe nach wie vor sehr viele ungeklärte Fragen in dem Fall – etwa die nach dem Motiv – so Thüner weiter. Das konnte in dem Verfahren, in dem die junge Frau zunächst geschwiegen und sich erst später eingelassen und die Vorwürfe zurückgewiesen hatte – nicht in Ansätzen beantwortet werden. Zur Tat war es laut Anklage Mitte November 2015 gekommen. Die Schülerin soll hier ihren Stiefvater im Schlafzimmer der Eltern mit einem Messer getötet und ihre Mutter mit mehreren Messerstichen niedergestochen haben. Nach dem früheren Stand der Ermittlungen soll die Schülerin gegen 0.45 Uhr nach einem Streit mit ihren Eltern zu dem Messer gegriffen und sie dann attackiert haben.

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