Schauspieler Martin Horn liest aus Armin T. Wegeners Text Einer armenischen Mutter. In seinem Rücken improvisiert Franz Danksagmüller dazu an der Orgel. - © FOTO: RALF BITTNER
Schauspieler Martin Horn liest aus Armin T. Wegeners Text Einer armenischen Mutter. In seinem Rücken improvisiert Franz Danksagmüller dazu an der Orgel. | © FOTO: RALF BITTNER

Herford Unendliches Leid, stetige Hoffnung Freunde

Textklangwerk in der Marienkirche: Erinnerung an einen Völkermord

VON RALF BITTNER

Herford. Leise, fast wehklagende Orgeltöne schmeicheln sich in die Marienkirche, ein warmes Raunen mischt sich darunter, plötzlich gewinnt die Orgel an Kraft und Tiefe, trägt plötzlich das warme Raunen. Höhen und Tiefen, Vertrauen und Leid werden unter den Händen von Frank Danksagmüller zu Klang, nicht immer harmonisch – wie auch bei dem Anlass? – aber immer auf jeder Ebene ergreifend.

Der Organist ist neben Schauspieler Martin Horn und den Dudukspielern Gevorg Dabaghyan und Karapet Shaboyan einer der ausführenden Künstler des Projekts Textklangwerk, das an den Völkermord an den Armeniern von 1915 bis 1923 im osmanischen Reich erinnert. Die Uraufführung am Donnerstag fand am Gedenktag statt, mit dem  an die Deportation armenischer Intellektueller  am 24. April 1915 aus der osmanischen Hauptstadt Istanbul erinnert wird. Diese bildete den Auftakt des Völkermordes an den christlichen Armeniern, dem – je nach Schätzung – zwischen 300.000 und 1,5 Millionen Menschen zum Opfer fielen.

Danksagmüller improvisiert zum Text "Einer armenischen Mutter" von Armin T. Wegener, der 1916 in Bagdad entstand. Wegener war als Sanitäter der deutschen Armee 1915 Zeuge der Vertreibung, hielt das Geschehen fotografisch und literarisch fest. "Du sahst mich nicht, als ich abseits stand und dir zuschaute, wie du deine Kinder unter dem hellen Mond auf die staubige Erde bettetest", schrieb er, und auch für das Schicksal der Vertriebenen fand er klare Worte, eindringlich gelesen von Horn: "Ich – ein Soldat, arm wie du, dem es bestimmt war zu sterben wie dir."

Doch nicht nur Tod sah er, sondern auch eine Frau, die sich und ihre Kinder durch die Wüste schleppt, "immer noch gläubig, immer voll Hoffnung", eine Passionsgeschichte, wie sie wohl nur in der Neuzeit mit ihrem industriellen Morden geschrieben werden kann. Dazu klagt die Orgel, verliert sich in stakkatohaftem Rattern, klingt plötzlich wie ein Maschinengewehr, um dann wieder zurückzutreten hinter das Flüstern der Duduks, hölzernen Flöten mit einem warmen Klang, der die Weite der Wüste, Hoffnung, Leiden und die Geschichte eines Landes mit einer der ältesten christlichen Kirchen der Welt in sich trägt.

Das Trauma des Genozids ist auch in den Werken der bildenden Künstler spürbar, die sich in Nischen der Marienkirche schmiegen, unter Torbögen ducken oder als grobe Stele im Kerzenschein auf dem Altar zum Hinsehen auffordern. "My Life is in My Hand – mein Leben ist in meiner Hand", wie ein Bild heißt, klingt wie Selbstversicherung, wie der trotzige Wille zur Selbstbehauptung, die auch fast 100 Jahre nach dem Morden noch nötig ist. Auf einem anderen Bild schreiten Hufeisen und Schuhe aus dem Bild, eine rote Spur hinter sich lassend.

Etwas mehr als eine Stunde dauert die Konzertlesung. Die Stille bis zum Applaus dehnt sich bis an die Schmerzgrenze. Sich danach noch auf die Bilder einzulassen erfordert Kraft, nur wenige der rund 180 Zuhörer in der Kirche bringen sie noch auf.

Der von der Evangelischen Marienkirchengemeinde und der Stiftung Kulturdialog Armenien initiierte Abend lenkte eindrucksvoll den Blick auf ein fast vergessenes Verbrechen, bot vielen armenischstämmigen Zuhörern Raum für Trauer. Zu einer Aussöhnung scheint es jedoch noch weit, denn noch weigert sich die Türkei den Völkermord anzuerkennen, seit 2007 ist offiziell nur von den "Ereignissen von 1915" die Rede. Immerhin erinnerte Erdogan als erster türkischer Staatschef jetzt überhaupt an die "Schmerzen" der Armenier, allerdings ohne Vertreibung und ungezählte Tode zu nennen.

Copyright © Neue Westfälische 2018
Texte und Fotos von nw.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Die Kommentarfunktion für diesen Artikel ist deaktiviert.

nw.de bietet Ihnen unter vielen Artikeln und Themen die Gelegenheit, Ihre Meinung abzugeben, mit anderen registrierten Nutzern zu diskutieren und sich zu streiten. nw.de ist jedoch kein Forum für Beleidigungen, Unterstellungen, Diskriminierungen und rassistische Bemerkungen. Deshalb schalten wir bei Artikeln über Prozesse, Straftaten, Demonstrationen von rechts- und linksradikalen Gruppen, Flüchtlinge usw. die Kommentarfunktion aus. Näheres dazu lesen Sie in unseren Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion (Netiquette) und in dem Kommentar unseres Chefredakteurs Thomas Seim zur Meinungsfreiheit im Forum der NW.

realisiert durch evolver group