KREIS HERFORD Die Gegenspielerin Herford und die Glücksspielsucht

NRW-Landesorden für Ilona Füchtenschnieder-Petry vom Diakonischen Werk

Ilona Füchtenschnieder (r.) mit Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. - © FOTO: SONDERMANN
Ilona Füchtenschnieder (r.) mit Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. | © FOTO: SONDERMANN

Kreis Herford. Sie ist mitfühlende Beraterin und zornige Anklägerin, subtile Netzwerkerin und unbeugsame Aktivistin. Niemand hat die Debatte über Spielsucht in Deutschland so sehr geprägt wie sie. Jetzt hat Ministerpräsidentin Hannelore Kraft Ilona Füchtenschnieder-Petry vom Diakonischen Werk in Herford den NRW-Landesorden verliehen.

Die Ehrung fand in der Düsseldorfer Staatskanzlei statt. Star-Geiger David Garrett gratulierte als erster. Ex-Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth rief ihr ein fröhliches "Machen Sie weiter so" zu. Und auch die Regierungschefin fand persönliche Worte für die Bielefelderin, die 1987 von Herford auszog, die mächtige Glücksspiellobby das Fürchten zu lehren - anfangs Spielhallenbetreiber und Spielcasinos, später Lotto-, Sportwetten-Anbieter und Internet-Zocker.

Information

Herford und die Glücksspielsucht

1981 wenden sich erstmals Angehörige von Spielsüchtigen an die Suchtberatung des Diakonischen Werks (DW).
1987 richtet das DW eine Beratungsstelle für Glücksspielsüchtige ein. Deren Leiterin: Ilona Füchtenschnieder.
1998 gründet Füchtenschnieder den seither von ihr geführten Fachverband Glücksspielsucht aus Ärzten, Therapeuten, Beratern und Juristen, der als wichtigste Lobby der Spielsüchtigen gilt.
2002 wird in Herford die NRW-Landesfachstelle Glücksspielsucht eingerichtet. NRW wird Vorreiter für Therapie und Spielerschutz.
2008 wird Füchtenschnieder in den Fachbeirat Glücksspielsucht zur Beratung der Bundesländer berufen.
2009 gründet Füchtenschnieder eine Stiftung Glücksspielsucht für mehr Verbraucherschutz und Prävention.
www.gluecksspielsucht-nrw.de, www.gluecksspielsucht.de, www.forum-gluecksspielsucht.de

1987 hatte das Diakonische Werk in Herford die bundesweit erste Beratungsstelle für Spielsüchtige gegründet - und Füchtenschnieder mit dem Aufbau beauftragt. Sie begann mit Einzelberatung und Selbsthilfegruppen, ambulanter Therapie und Suche nach klinischen Behandlungsplätzen für ihre Klienten.

"Kaum jemand wollte damals Spielsucht als Krankheit anerkennen", erinnert sie sich. Das Füttern von als Groschengräbern" bezeichneten Geldspielautomaten galt als harmloses Vergnügen, durch Spielsucht ausgelöste menschliche Tragödien als schuldhaftes Versagen.
Füchtenschnieder sah das anders. Sie beschränkte sich nicht auf den Aufbau eines Hilfesystems, fragte auch nach der Verantwortung der Nutznießer und der Politik. "Mehr Leute sollen mehr Geld verspielen", fasst sie die Interessenlage der Glücksspielindustrie zusammen - und setzt ihr Credo dagegen: "Ein kleiner, gut regulierter Markt soll bewirken, dass der Prokopf -Verbrauch für Glücksspiele gesenkt werden kann."
Für dieses Ziel ist sie seither unterwegs, bundesweit. In diesen Wochen geht es wieder einmal um den Glücksspiel-Staatsvertrag: Das staatliche Monopol, die Zulassung privater Anbieter, die Legalisierung des Glücksspiels im Internet, die Einstufung der Geldspielautomaten als Glücksspiel- ein expansives Milliardengeschäft.

Ilona Füchtenschnieder übernimmt die Rolle der Gegenspielerin. Ihr geht es um die Menschen: Hunderte von Klienten und Angehörige, die bei ihr Rat gesucht haben; Süchtige, die in den staatlichen Spielcasinos in die Verschuldung abrutschten - und für die sie erfolgreich eine Serie von Prozessen führte: "Wirksamer Spielerschutz geht von den Gerichten mehr als von der Politik aus."".
Zuletzt hat sich die jüngste Trägerin des NRW-Landesordens besonders mit dem Thema Verbraucherschutz beschäftigt. Eine von ihr kürzlich gegründete Stiftung soll Opfern von Glücksspielanbietern beistehen. Füchtenschnieder: "Vielleicht hilft der Landesorden ja dabei, viele Geldgeber für diese Stiftung zu finden".

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