Mit der Erneuerung des Liedgutes will der MGV Lohengrin neue und jüngere Sänger ansprechen und für die Mitgliederschaft in ihrem Chor begeistern. - © Britta Bohnenkamp-Schmidt
Mit der Erneuerung des Liedgutes will der MGV Lohengrin neue und jüngere Sänger ansprechen und für die Mitgliederschaft in ihrem Chor begeistern. | © Britta Bohnenkamp-Schmidt

Enger Popsongs als Überlebensstrategie

MGV Lohengrin geht neue Wege: Mit modernem Liedgut möchten die Sänger wieder mehr jüngere Männer zum Mitsingen motivieren

Martina Chudzicki

Enger. Singen macht Spaß, Singen macht glücklich und – das haben Wissenschaftler längst herausgefunden – Singen macht sogar gesund. So gesund, dass es eigentlich ärztlich verordnet werden sollte. Einer, der das genau weiß, ist Erwin Wickemeyer. Immerhin singt er schon seit über 50 Jahren im Chor, immer im selben, dem Männergesangverein Lohengrin Enger. Wenn es nach ihm ginge, würde er das auch gerne noch viele weitere Jahre tun. Denn die wöchentliche Chorprobe ist für ihn immer noch der Tag in der Woche, an dem er einfach mal ausspannen und seine „Seele frei machen kann von allen Nebensächlichkeiten". Die Chancen, dass sein Wunsch in Erfüllung geht, stehen allerdings eher schlecht. Denn wie so vielen anderen Männerchören gehen auch dem MGV Lohengrin die Sänger aus. Dem eigenen Untergang tatenlos zusehen möchten die Lohengriner allerdings nicht. Sie gehen in die Offensive und versuchen verstärkt, jüngere Männer für den Chorgesang zu begeistern. Ein Mittel zum Zweck: die Erneuerung des Liedguts. Mit einem Song der Toten Hosen das Publikum begeistert „Mit dem Brunnen vor dem Tore locken wir heute keinen mehr hinterm Ofen hervor", sagt Erwin Wickemeyer. Im Chor ist er zuständig für die Auswahl der Lieder, die für das große Lohengrin-Konzert zu Beginn eines jeden Jahres einstudiert werden. Zunehmend greift der 73-Jährige dabei auch auf moderne Stücke aus dem Pop- und Schlagerbereich zurück. Beim Neujahrskonzert in diesem Jahr überraschten die Sänger ihr Publikum unter anderem mit dem Toten-Hosen-Song „Tage wie diese". Auch Stücke von den Dorfrockern, Marius Müller-Westernhagen und Peter Maffay oder alte „Ohrwürmer" wie Mendocino von Michael Holm standen auf dem Programm. „Das Publikum war ganz begeistert", sagt Wickemeyer. „Viele haben mitgesungen!" Viel Überzeugungsarbeit bei Sängern geleistet Weniger begeistert waren zunächst die eigenen Kollegen vom neuen Ton im Chor. Da musste Wickemeyer schon einiges an Überzeugungsarbeit leisten. Mit dem „modernen Zeug" konnten sich viele erst einmal nicht identifizieren. Kein Wunder – liegt das Durchschnittsalter im Chor doch bei gut 70 Jahren. Viele fühlten sich für das neue Liedgut einfach „zu alt", sagt Wickemeyer. „Als wir das erste Mal für ,Tage wie diese’ probten", erinnert er sich, „ist einer unserer Sänger mittendrin aufgestanden, hat die Noten hingeworfen und erbost den Raum verlassen. Seitdem singt er nicht mehr mit." Erwin Wickemeyer tut das weh, und es weckt durchaus auch Zweifel bei ihm. „Man fragt sich dann natürlich schon, ob man die Kollegen nicht überfordert", sinniert er. Nicht zu Unrecht, denn das moderne Liedgut ist deutlich schwieriger einzustudieren als die alten Volkslieder.„Die kennen wir schließlich schon seit unseren Kindertagen und können sie quasi auswendig singen", sagt auch der 2. Vorsitzende des Chores Werner Cwetko. Lieder für den Chorgesang umgeschrieben Für die neuen Stücke müssen sich die Sänger dagegen nicht nur in eine ganz andere Sprache und neue Inhalte hineinfinden. Die Partituren für die auf vierstimmigen Chorgesang umgeschriebenen Stücke sind auch deutlich umfangreicher und komplizierter, sagt er. „Das fordert uns ganz schön heraus", geben beide Sänger zu. Aber dann wird Erwin Wickemeyer gleich wieder kämpferisch: „Es nutzt ja nichts – dieses neue Liedgut ist unsere einzige Überlebensstrategie." In drei Jahren feiert der MGV Lohengrin sein 100-jähriges Bestehen. „Das", so sagen beide Sänger, „wollen wir auf jeden Fall noch erleben!" Allerdings wissen beide auch, dass das ohne frische, jüngere Stimmen schwierig wird. Der „Neue" hat den Altersdurchschnitt  gesenkt 20 Aktive singen im Chor noch mit, es waren mal doppelt so viele. Das Konzert zum Jahresanfang wird bei dieser Besetzung jedes Mal zur Zitterpartie. „Da müssen nur mal zwei oder drei Sänger krank werden, dann war’s das," sagt Wickemeyer. Nur einen einzigen Neuzugang hat es in den letzten Jahren gegeben. „Aber das war unser Sechser im Lotto", freut sich Erwin Wickemeyer noch immer. Nicht nur, dass der „Neue" mit seinen 35 Jahren den Altersdurchschnitt ein wenig nach unten gedrückt hat. „Er ist auch ausgebildeter Musiker, kann Noten lesen und hat eine sehr gute Stimme." Und er fühlt sich offensichtlich wohl in der Runde der älteren Herren, versucht Wickemeyer auch anderen jüngeren Männern das Singen in der Gemeinschaft schmackhaft zu machen. „Wir sind ein netter Haufen", sagt er. „Der Ton ist manchmal vielleicht etwas rauer als wenn Frauen dabei sind, aber es geht sehr herzlich bei uns zu." Neujahrskonzert 2019 ist jetzt in Vorbereitung Ein Einstieg in die Gemeinschaft und den Chorgesang, so fügt er dann noch hinzu, sei gerade jetzt sehr günstig. „Wir fangen jetzt damit an, die Lieder für das Neujahrskonzert 2019 zu proben." Gesungen wird dann auch ein Hit von Catarina Valente – der „Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu Strand Bikini". Die Noten dafür hat Erwin Wickemeyer schon seit drei Jahren in der Schublade liegen. Damals waren die Lohengriner noch nicht bereit für diesen Zungenbrecher. „Aber jetzt ist die Zeit reif dafür!"

realisiert durch evolver group