Besondere Nacht: Die festliche Stimmung zieht am Heiligen Abend mehr Menschen als zu jeder anderen Zeit in die Kirchen – so wie hier in die Stiftskirche Enger. - © rebekkarasche
Besondere Nacht: Die festliche Stimmung zieht am Heiligen Abend mehr Menschen als zu jeder anderen Zeit in die Kirchen – so wie hier in die Stiftskirche Enger. | © rebekkarasche

Enger/Spenge Jeder ist herzlich in der Kirche willkommen

Volle Kirchen in der Heiligen Nacht: Pastoren freuen sich auch über „Gelegenheitsbesucher“. Im Mittelpunkt steht das gemeinsame Singen

Martina Chudzicki

Enger/Spenge. Weihnachten, das ist das Fest der Liebe, der Geschenke – und der vollen Kirchen. Wohl an keinem anderen Tag im Jahr strömen so viele Menschen in die Gottesdienste, wie am Heiligen Abend. Der Besuch der Christmette gehört für viele zu Weihnachten wie der geschmückte Baum, der Gänsebraten und die Geschenke. Auch wenn sie ansonsten nichts mehr mit Kirche am Hut haben. Dass sie es an diesem besonderen Abend vor allem mit „Gelegenheitsbesuchern" zu tun haben, stört die Pastoren und Pastorinnen in Enger und Spenge aber nicht – im Gegenteil. "Auch den seelischen Hunger und Durst stillen" „Ich freue mich immer unheimlich auf diesen Tag", sagt Brigitte Janssens, Pastorin an der Spenger St. Martinskirche. Der gute Besuch aller Gottesdienste an diesem Tag zeige doch, dass die Menschen nach wie vor ein Bedürfnis nach mehr hätten, als nur nach Konsum. „Wenn der leibliche Hunger und Durst an diesem Tag gestillt sind, geht es eben darum, den seelischen Hunger und Durst zu stillen!" Im festlichen Gottesdienst hätten die Menschen Zeit aufzuatmen, durchzuatmen und Luft zu holen – und den oftmals stressigen Tag noch einmal zu reflektieren. Geerdet durch den gemeinsamen Gesang Dass die Liturgie an diesem Tag keine so große Rolle spiele, käme vielen Gelegenheitskirchgängern sicher entgegen. „Im Mittelpunkt an diesem Tag steht das gemeinsame Singen", sagt die Pastorin. Und natürlich werden an diesem Abend vor allem die bekannten Weihnachtslieder angestimmt, die alle mitsingen können. „Für das ’Oh, du Fröhliche’ am Ende des Gottesdienstes braucht es einfach die Kirche – das singt man nicht allein zuhause!" sagt Janssens, die sich selbst durch den gemeinsamen Gesang immer sehr geerdet fühlt. Auch nach all den Jahren, die sie schon an der Stiftskirche in Enger als Pastorin wirkt, ist Petra Schmuck vor dem Weihnachtsgottesdienst „noch immer total aufgeregt". Das sei schon etwas ganz Besonderes – auch, weil die Kirche an diesem Tag so voll sei. „Es ist für mich immer eine große Freude, so eine volle Kirche zu erleben. Das zeigt doch, dass es hier noch keinen Traditionsabbruch gegeben hat", sagt sie. Auch in der Stiftskirche gibt es in der Christmette keine Liturgie, in der die Besucher wissen müssten, was passiert und was gerade zu tun ist. Text aus dem Buch des Propheten Jesaja Aber Petra Schmuck rezitiert in ihrem Weihnachtsgottesdienst immer auch einen alttestamentarischen Traditionstext aus dem Buch des Propheten Jesaja, was eher kirchenferne Gottesdienstbesucher leicht überfordern könnte. „Aber", so sagt sie, „es ist gar nicht so wichtig, alles zu verstehen." Wichtig sei es, dass die Atmosphäre dieser besonderen Nacht sich übertrage und dass sich jeder Mensch an diesem Abend in der Kirche willkommen geheißen fühle. „Auch, wenn er nur einmal im Jahr kommt!" "Man muss gar nicht alles verstehen" Jeder Mensch, das sagt der katholische Pastor Carsten Adolfs, habe am Heiligen Abend seine ganz persönlichen Beweggründe für den Besuch der Christmette. „Es ist doch gut und schön, dass die Kirche an diesem Abend so voll ist", sagt der für Enger und Spenge zuständige Seelsorger. „Das zeigt doch, dass da bei vielen etwas hängen geblieben ist!" Er hat es durchaus schon erlebt, dass sich regelmäßige Kirchgänger seiner Gemeinde darüber beschwert haben, dass es an Heiligabend „so viele Besucher gibt, die sich das ganze Jahr über nicht in der Kirche blicken lassen und uns jetzt die Plätze wegnehmen!" Und diesen Frust kann er teilweise sogar nachvollziehen. „Aber ich freue mich über jeden, der kommt!" Wer nicht singen kann, lauscht Dass darunter auch einige sind, die mit der Liturgie nichts mehr anfangen können, hat er dabei im Blick. Auch er wählt schöne, alte Weihnachtslieder aus, die jeder mitsingen kann. „Und wer selbst das nicht kann, lauscht eben einfach den anderen und hat so auch noch etwas davon." Der Messeablauf und bestimmte Schrifttexte lassen sich auch in der Christmette nicht austauschen. Seine Weihnachtsansprache stimmt der Pastor allerdings manchmal noch ganz spontan nach einem Blick ins Publikum ab. Sind viele jüngere Menschen da, wählt er andere Worte als bei einem überwiegend älteren Publikum. Nicht alle Gemeindemitglieder kommen Es wird wohl nicht lange dauern, dann werden Pastorin Janssens, Pastorin Schmuck, Pastor Adolfs und all ihre anderen Kolleginnen und Kollegen in Enger und Spenge wieder mit der Realität konfrontiert – sprich mit eher lichten Kirchenbänken im ganz normalen Alltag. Letztendlich, so relativiert Petra Schmuck den Andrang zu den Gottesdiensten am Heiligen Abend, käme ja auch an diesem Tag nur ein Bruchteil der Gläubigen in die Kirche. „In Enger gibt es rund 4.800 Gemeindemitglieder. Wenn die alle in die Christmette kämen, würde die Stiftskirche aus allen Nähten platzen!"

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