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Rödinghausen Wo sich Ente und Maulwurf treffen

ZEHN-MINUTEN-REPORTAGE (4) Der Kurpark in Rödinghausen

Stefan Boscher

Rödinghausen. Ziemlich windig ist es auf der kleinen Holzbrücke mitten im Kurpark in Rödinghausen. Und leise. Und kein Mensch weit und breit. Ob das spannende zehn Minuten werden? Erst einmal gucke ich mich um: Ein großer Spielplatz, der See, Wiesen - und Maulwurfshügel. Nicht einer oder zehn, nein, an diesem windigen Wintertag sind es genau 133 Hügel, die sich auf wenige Quadratmeter des Kurparks konzentrieren. Manche Bereiche sind maulwurfhügelfrei, an anderen Stellen drängen sie sogar schon auf die Wege. Bevor ich weiter darüber nachdenken kann, reißt mich eine quakende Ente aus meinen Gedanken. Dann sind es viele Enten, die aufgeregt und wild mit den Flügeln schlagend eines der Ufer des kleinen Sees ansteuern. Mein Blick folgt ihnen und bleibt bei einem Mann hängen. Der Mann - ich kann es vorwegnehmen - wird der einzige sein, der mir in diesen zehn Minuten an diesem Ort begegnen wird. Die Enten scheinen ihn zu kennen - oder sie erkennen, dass er altes Brot dabei hat, das für sie bestimmt ist. Minutenlang beobachte ich den Mann, wie er sorgfältig die Bortscheiben zerkleinert und es den Tieren so hinwirft, das möglichst jedes etwas abbekommt und keiner leer ausgeht. Es ist verwunderlich, dass sonst niemand im Park unterwegs ist. Wo sind die Rödinghauser an diesem Nachmittag? Das Wetter ist sonnig, ein wenig kalt zwar, aber die Luft ist herrlich. Wenn nur der Wind nicht wäre. Und da die Enten gerade mit ihren Brotkrumen beschäftigt sind, ist es auch herrlich ruhig. Kein Glockenschlagen der Bartholomäuskirche, deren Turm zwischen den Bäumen zu erahnen ist. Kein Auto ist zu hören, nur der Wind und ein Hahn in einiger Entfernung, dessen Krähen mich immer mal wieder aus meinen Gedanken reißt und auf diese Brücke zurückholt. Ich lehne mich ans Brückengeländer, links der Spielplatz, rechts ist das Wiehengebirge zu sehen. Mein Blick fällt auf ein Schild, das man hier nicht vermutet. An einer Laterne ist es befestigt, ziemlich hoch, einfach abreißen kann man es nicht. Das ist vermutlich auch beabsichtigt. Das Schild zeigt den Weg zum nächsten Notausgang. Jawohl: Zum Notausgang. Warum braucht eine große Wiese - mehr ist ein Kurpark ja eigentlich nicht - einen Notausgang? Noch so eine Frage, die sich in diesen zehn Minuten nicht beantworten lässt. An den Menschenmassen, die sich hier durchschieben, kann es eigentlich nicht liegen. Ob es an der Ausschilderung in der Umgebung liegt? Ich bin erst drei Mal daran vorbeigefahren, bis ich den kleinen Parkplatz gefunden habe. Es wird zugiger auf der Holzbrücke, der Entenfütterer hat offenbar sein ganzes Brot verteilt, er macht sich auf den Weg - ja, wohin eigentlich? Ich weißt es nicht, aber der Unbekannte nutzt dafür den Notausgang. Die Enten finden es gar nicht witzig, dass ihr Gönner weg ist. Ihr Geschnatter klingt wie Meckern, als sie sich auf den Weg zurück ins Wasser machen. Das haben sie nicht für sich alleine, auch wenn ich es anfangs dachte. Aber jetzt, gegen Ende meiner zehn Minuten an diesem Ort, sehe ich es rot-orange schimmern im Wasser. Leben hier Fische?, hatte ich mich vor einigen Minuten gefragt - aber keinen gesehen. Jetzt macht sich ein ganzer Goldfischschwarm auf den Weg zur Brücke, von der anderen Seite kommen die Enten und ich mache mich auf den Weg zu meinem Auto. Wo das geparkt ist? Na klar, vor dem Notausgang.

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