Zwei Gleise, zwei Schranken, zwei Bahngleise: Der Bahnhof in Kirchlengern. Karikatur: Schwarze-Blanke
Zwei Gleise, zwei Schranken, zwei Bahngleise: Der Bahnhof in Kirchlengern. Karikatur: Schwarze-Blanke

Kirchlengern Bitte nicht drängeln: Manchmal fährt ein Zug

Zehn-Minuten-Reportage (2) Der Bahnhof in Kirchlengern

Stefan Boscher

Kirchlengern. Übersichtlich ist es hier am Bahnhof in Kirchlengern. Das ist die erste Überraschung. Sonst bin ich immer mit dem Auto unterwegs und stehe fast jedes Mal vor den geschlossenen Bahnschranken am Bahnhof, was für mich den Eindruck vermittelt, dass hier jede Menge los ist. Naja. Wie komme ich denn auf den anderen Bahnsteig? Einen Überweg gibt es nicht, wer auf dem falschen Gleis steht, muss zurück bis zur Lübbecker Straße und außen rumgehen. Ah, da ist es auch schon, das vertraute Klingen der Schranken. Sie schließen sich, mal wieder. Aber dieses Mal habe ich die Chance, die Zeit zu stoppen, wie lange die Schranken unten sind. Das wollte ich schon immer mal machen - als Autofahrer kommt einem die Zeit laaang vor. Zum Glück gibt es am Bahnhof Kirchlengern eine Uhr mit Sekundenzeiger. Und siehe da: In 2:35 Minuten hat der Zug den Bahnübergang passiert. Mein Blick wandert umher, entlang der verglasten Unterstände, die vor Wind und Regen schützen sollen, hin zu dem alten Bahnhofsgebäude. Ein Hingucker. Ein Kaffee wäre jetzt wunderbar, doch nichts zu machen, das ausgeschilderte Bistro und Café im alten Bahnhof hat geschlossen. Ob es jemals geöffnet hat, erschließt sich dem durstigen Besucher nicht. Schilder? Fehlanzeige. Viel zu gucken oder Ablenkung gibt es hier nicht, das wissen wohl auch die neun Reisenden, die hier auf den nächsten Zug in Richtung Herford, Minden, Löhne und Bielefeld warten. Fast alle hören Musik, gut zu sehen an den vielen Kopfhörern. Andere lesen oder rauchen - nur ins Gespräch kommt keiner von ihnen. Rauchen? Ist das etwa erlaubt hier am Kirchlengeraner Bahnhof? Muss wohl so sein, direkt am Eingang steht ein Zigarettenautomat. Da hilft ein Blick in die Hausordnung, die fein säuberlich aushängt, direkt neben den Abfahrtszeiten. Ich bin erstaunt, was hier so alles verboten ist. Das Mitführen von metallbeschichteten Luftballons zum Beispiel - vermutlich, damit der Funke aus den stromführenden Oberleitungen nicht überspringt. Auch Ballspielen ist untersagt - macht Sinn, sonst landet das Spielgerät am Ende noch auf den Gleisen. Vögel müssen auf Brotkrumen von Wartenden verzichten, so sagt es die Regel der Deutschen Bahn. Drogenkonsum ist ebenso verboten wie das Trinken von "zuviel Alkohol", das Befragen von Reisenden - und natürlich: Nicht drängeln. Mache ich alles nicht, wenn ich jetzt noch eine Fahrkarte kaufen und mit dem Zug fahren würde, wäre ich vermutlich ein Vorzeigekunde der Bahn. Das kann man nicht von allen Personen sagen, die sich hier am Bahnhof aufhalten. Leere Bierflaschen, zerbrochene Schnapsfläschchen und Kronkorken, die den Weg nicht in den Mülleimer gefunden haben, zeugen davon. Das ist unnötig, zumal es ausreichend Mülleimer an den Bahnsteigen gibt. Schon wieder kommt ein Zug, dieses Mal fährt er in Richtung Herford. Der Halt dauert nicht mal eine Minute, dann schließen sich die Türen. Eine Lautsprecherstimme, die die Ankommenden in Kirchlengern begrüßt oder die Reisenden auf ihre nächsten Ziele aufmerksam macht, gibt es übrigens nicht. Schade eigentlich, mindestens fünf Züge halten jede Stunde auf jedem der beiden Gleise. Damit niemand den Anschluss verpasst, gibt eine elektronische Anzeigetafel Auskunft. Meine zehn Minuten sind abgelaufen, mit dem Öffnen der Bahnschranken lasse ich das historische rote Backsteingebäude hinter mir. Übrigens: Rauchen ist am Bahnhof in Kirchlengern natürlich - wie auf allen Bahnhöfen in Deutschland - verboten, auch, wenn der Zigarettenautomat und der Aschenbecher am Bahnsteig vielleicht einen anderen Eindruck vermitteln.

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