Jörg Militzer mit dem Jahrbuch vor dem Universum, das auch in seiner Dokumentation beschrieben wird. - © FOTO:D:SCHNASE
Jörg Militzer mit dem Jahrbuch vor dem Universum, das auch in seiner Dokumentation beschrieben wird. | © FOTO:D:SCHNASE

Bünde Bilder lernten schon früh laufen

Jörg Militzer beschreibt im Historischen Jahrbuch Geschichte der Kinos in Bünde

Bünde. Zwischen den Anfängen und heute liegen Welten. Waren die Menschen damals schon fasziniert, wenn sie "laufende Bilder" sahen, haben Filme heute höchste Bild- und Tonqualität und oftmals Effekte, von denen man früher nicht mal zu träumen wagte. Stadthistoriker Jörg Militzer hat die Kinogeschichte der Stadt Bünde im Historischen Jahrbuch für den Kreis Herford zusammengefasst und ist bei seinen jahrelangen Recherchen zu erstaunlichen Ergebnissen gekommen.

Seine 30-seitige Dokumentation hat Militzer "Wo Bündes Bilder laufen lernten – die Geschichte der Kinos in der Elsestadt" überschrieben. Wie er im Gespräch mit der NW erläuterte, gebe es einen guten Anlass dafür, das Thema gerade jetzt zu veröffentlichen. Im Saal des "Deutschen Hauses" an der Hangbaumstraße 8 (heute Hangbaumstraße 14) nahm 1912, also vor 100 Jahren, das erste ortsfeste Kino der Stadt Bünde seinen Betrieb auf. "Am 24. Februar wurden unter dem Namen ,Eden-Theater’ die ständigen Lichtspiele der Stadt Bünde eröffnet", heißt es im Aufsatz Militzers. Angaben über Inhalte der gezeigten Filme oder gar zu Schauspielern suchte Militzer vergeblich. "Im Mittelpunkt stand der Kimatograph ersten Ranges", allenfalls ergänzt durch den Hinweis auf das "vorzügliche Theater-Orchester".

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Kino im Nationalsozialismus

Jörg Militzer geht in seiner Dokumentation auch auf die Zeit des Nationalsozialismus ein: "Vor dem heutigen Wissen um die nachfolgenden Jahre des ,Dritten Reiches’ scheint der Titel des im Juni 1934 in den Bünder Lichtspielen gezeigten Filmes ,Freut Euch des Lebens‘ wie Hohn, doch auch Komödien standen weiter auf dem Spielplan der deutschen Lichtspieltheater."

"Während der Paradefilm dieser Epoche, die 1944 entstandene ,Feuerzangenbowle’ mit Heinz Rühmann betont unpolitisch daher kam, (...) sprach oder besser sang Zarah Leander 1942 in ,Die große Liebe’ noch eine deutlichere Sprache. Titel wie "Davon geht die Welt nicht unter" sollten Hoffnung in einen von Bombenkrieg beherrschten Alltag bringen.

Eine Möglichkeit der Meinungsbildung bzw. Einflussnahme durch das Medium Film erkannten und nutzten die Nationalsozialisten wie noch keine andere Regierung vor ihnen. Neben den inszenierten Filmen waren jedoch insbesondere die Nachrichtenformate ein willkommenes Werkzeug des Propagandaapparates.

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Mit ersten Recherchen zu dem Thema hatte der Bünder schon 2009 anlässlich des 85-jährigen Bestehens des alten Ennigloher Kinos begonnen und diese dann auf die ganze Stadt ausgeweitet. "In der damals noch recht kleinen Stadt hielt der technische Fortschritt schon früh Einzug", weiß Jörg Militzer. Ein Grund dafür sei die florierende Zigarrenindustrie gewesen, die Bünde zu einer vergleichsweise wohlhabenden Stadt machte.

Das Universum in Ennigloh, 1924 als "Lichtspielhaus Wittekind" erbaut, ist das einzige Gebäude, das noch in ursprünglicher Form zu bewundern ist. 1928 wurde dort Fritz Langs "Metropolis" gezeigt. Obwohl heute als bedeutend eingestuft, habe der Film in der ausgehenden Stummfilm-Ära das Publikum nicht mehr wirklich in den Bann ziehen können.

2001 wurde das denkmalgeschützte Universum nach umfangreicher Renovierung als Kulturzentrum zu neuem Leben erweckt. Der Kinobetrieb spielt eine eher untergeordnete Rolle. Im alten Kinosaal wurden schon damals Theaterstücke aufgeführt. "Am 7. November 1924 wurde die Eröffnungsvorstellung mit einem großen Lustspiel in 3 Akten unter dem Titel ,ER im Schlafwagen’ gestartet", hat Jörg Militzer herausgefunden.

Live-Auftritte seien früher nicht selten in Kinos gewesen. So sei im größten Bünder Kino, dem Capitol an der Bahnhofstraße 39, unter anderem Heinz Erhard aufgetreten. Das Gebäude verfügte seinerzeit über 800 Sitzplätze. Nach der Schließung und einigen Umbauten wurde das Haus unter anderem von einem Supermarkt genutzt.

Zur Kinogeschichte der Elsestadt gehören die Bünder Lichtspiele, kurz "BüLi", untrennbar dazu.

Neben Capitol und Universum hatte es seinen festen Platz und existiert noch heute. Die "BüLi" entstanden aus dem "Tonbild-Theater" an der Ecke Klinkstraße/Bahnhofstraße. In der Scheune des Fachwerkhauses fanden etwa 180 Cineasten Platz, mussten jedoch auf die Annehmlichkeiten "moderner" Kinoarchitektur verzichten.

Wie Jörg Militzer weiter erläutert, änderte sich dies mit dem nach dem Abriss im Jahre 1925 etwa an gleicher Stelle errichteten Neubau der Bünder Lichtspiele. Dieses Haus ist später dem "BüLi-Service- Kino" gewichen, das 280 Plätze und inzwischen neueste "3D Digital-Technik" bietet und das nach wie vor von der Familie Hemminghaus geführt wird.

Bewusst, so Militzer, habe man hier ein anderes Konzept gewählt als die Kinopaläste im Umland, die wie das "Heimkino" und das weiter wachsende Freizeitangebot eine große Konkurrenz darstellen.
"So bleibt neben dem Anreiz, die neuesten Filme als Erster im Kino gesehen zu haben, immer noch der romantische Aspekt eines Kinobesuches. Bleibt zu hoffen, dass diese Form des Gruppenerlebnisses auch in Bünde noch lange möglich sein wird", resümiert Jörg Militzer.

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