Räumt nächste Woche sein Büro: Sozialamtsleiter Wolfgang Joseph (63) mistet in diesen Tagen sein Büro aus, um es am 15. Dezember seinem Nachfolger Stefan Bohnhorst zu übergeben. Joseph geht nach 48 Jahren im Dienst der Stadt Bünde Ende des Jahres in den Ruhestand. 13 Jahre hat er in diesem Büro gearbeitet. - © Foto: Anne Webler
Räumt nächste Woche sein Büro: Sozialamtsleiter Wolfgang Joseph (63) mistet in diesen Tagen sein Büro aus, um es am 15. Dezember seinem Nachfolger Stefan Bohnhorst zu übergeben. Joseph geht nach 48 Jahren im Dienst der Stadt Bünde Ende des Jahres in den Ruhestand. 13 Jahre hat er in diesem Büro gearbeitet. | © Foto: Anne Webler

Bünde Die Tage sind gezählt

Ruhestand: Sozialamtsleiter Wolfgang Joseph geht Ende des Jahres nach 48 Jahren im Dienst der Stadt Bünde in Rente. Am 15. Dezember ist sein letzter Arbeitstag. Seine Arbeit hat sich über die Jahrzehnte stark verändert

Anne Webler

Bünde. "Das große Aufräumen hat begonnen", erzählt Sozialamtsleiter Wolfgang Joseph. Zehn Tage vor seinem letzten Arbeitstag mistet er sein Büro aus, schmeißt weg, was sich über die Jahre angesammelt hat. "Vielleicht kann man das nochmal gebrauchen" - mit dem Gedanken habe ich einiges aufgehoben, falls ich mal etwas nachschlagen möchte", erzählt Joseph. Den Bericht zur sozialen Lage der Stadt Bünde etwa, den Joseph im Auftrag des Sozialausschusses entwickelt hat. Seit 2010 erscheint er jährlich und enthält die Anzahl der Hartz-IV-Bezieher, wie viele Bünder arbeitsunfähig sind, wie viele Sozial-Wohnungen es in Bünde gibt und mehr. Wolfgang Joseph hatte nur einen Arbeitgeber: die Stadt Bünde. Dort arbeitete er früher im Versicherungsamt. "Dort habe ich der Kriegsgeneration, die in Rente ging, geholfen, ihre Unterlagen wieder herzustellen." Bürgern aus den ehemaligen Ostgebieten und aus Ostdeutschland, die inzwischen in Bünde lebten, waren ihre Unterlagen bei Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg verbrannt. Auch die Versicherungen hatten ihre Unterlagen bei den Angriffen verloren. Früher wurden die Leistungen bar ausgezahlt "Das war eine Puzzlearbeit, den Versicherungsverlauf der Menschen wiederherzustellen", sagt Joseph. Das sei nur durch Zeugenerklärungen von ehemaligen Arbeitskollegen und Freunden möglich gewesen. 1984 wechselte Joseph ins Sozialamt. "Damals wurden die Leistungen noch bar ausgezahlt." Heute laufe alles elektronisch. Bis zur großen Reform mit der Abschaffung des Bundes-Sozialhilfegesetzes und der Schaffung von Hartz-IV und den Arbeitsagenturen im Jahr 2005 übernahmen die Sozialämter auch die Kosten für Bekleidung und Möbel der Sozialhilfeempfänger. Die Anspruchsberechtigten kamen im Frühjahr und im Herbst und stellten einen Antrag für einen neuen Wintermantel, für Hosen, Schuhe. "Die Kolleginnen gingen dann in die Geschäfte und holten Preise ein", erzählt Joseph. Was ihn heute noch berührt Einige Begegnungen bewegen ihn noch heute: "Ich hatte einer alleinerziehenden Mutter mit drei oder vier Kindern im Frühjahr einen Antrag auf Bekleidung bewilligt", erzählt Joseph. Den ganzen Sommer über legte die Mutter die Belege nicht vor, trotz mehrmaliger Aufforderung. Als Joseph das Geld beim nächsten Besuch der Mutter zurückforderte, brach sie in Tränen aus. Sie erzählte, dass sie davon mit ihren Kindern in den Urlaub gefahren sei. "Was macht man da?", fragt Joseph. "Das berührt mich heute noch." Menschlich konnte er die Mutter verstehen, rechtlich konnte er ihr das nicht gewähren. Sie einigten sich auf kleine Raten, in denen sie das Geld zurückzahlte. Anfang der 1990er Jahre, während der Jugoslawienkriege, zogen das Sozialamt und die Wohngeldstelle in die Saarlandstraße. Das Rathaus wurde zu eng. "Das war eine prägende Zeit", sagt Joseph. Es kamen viele Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien, nach der Wende und der Grenzöffnung nach Osten auch viele Aussiedler.  Jedes Jahr Urlaub in Tirol "Damals hatten wir keine leerstehenden BIMA-Unterkünfte." Joseph und seine Kollegen mussten die Menschen in der Turnhalle an der Holser Straße, im Jugendheim Ennigloh und im Jugendheim an der Schloßstraße in Hunnebrock einquartieren. Am Herzogweg und an der Cloppenburgstraße stellte die Stadt Container auf, um die Menschen unterzubringen. "In einem Container wohnten 75 Leute in kleinen Räumen nebeneinander und teilten sich eine Waschgelegenheit - das war noch beengter, als die Flüchtlinge heute wohnen." Heute hat Joseph wieder viele Flüchtlinge unterzubringen, durch die leerstehenden ehemaligen Britenhäuser ist das jedoch deutlich einfacher. Joseph freut sich auf den Ruhestand. Seit 45 Jahren ist er Schlagzeuger im Shantychor und seit dem Frühjahr Schatzmeister der Marinekameradschaft, für die Auftritte und das Spielen hat er dann mehr Zeit. Seit 39 Jahren fährt er mit seiner Frau jedes Jahr nach Waidring in Tirol, da wollen sie auch nächstes Jahr wieder hin. Zum 40. Mal. Verheiratet sind sie seit 42 Jahren. Ob Arbeit oder Privatleben - Joseph liebt die Konstanten in seinem Leben.

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