Stille Erinnerung: Schülerin Celina Knoppik von der Realschule Bünde-Mitte legt eine Rose vor dem Gedenkstein am Markt ab. Hinter ihr warten ihre Mitschüler, die ebenfalls den getöteten jüdischen Mitbürgern gedenken. FotoS: Jemima Wittig|| - © Jemima Wittig
Stille Erinnerung: Schülerin Celina Knoppik von der Realschule Bünde-Mitte legt eine Rose vor dem Gedenkstein am Markt ab. Hinter ihr warten ihre Mitschüler, die ebenfalls den getöteten jüdischen Mitbürgern gedenken. FotoS: Jemima Wittig|| | © Jemima Wittig

Bünde Verbeugung vor den Opfern

Gedenktag: Schüler und die Initiative 9. November Bünde erinnern in zwei Veranstaltungen an die vor 79 Jahren getöteten Juden

Jemima Wittig

Bünde. "Wir tragen die Verantwortung dafür, dass so etwas, wie es hier am 10. November 1938 passiert ist, nie wieder passiert", sagte Horst Selle, Leiter der Realschule Bünde-Mitte. "Dieser Auftrag für die zukünftige Generation soll durch regelmäßige Veranstaltungen in den Köpfen bleiben." Am Donnerstagmorgen gedachten die Schüler der Schulen aus Bünde am Mahnmal am Marktplatz der getöteten Juden aus Bünde. »Der Blick in die Vergangenheit ist wichtig für die Zukunft« Eine der Schülerinnen war die Zehntklässlerin Celina Knoppik. Bei ihr ist die Botschaft schon angekommen: "Der Blick in die Vergangenheit ist so wichtig für die Zukunft", sagte die Realschülerin. Deshalb hat sie sich mit sechs anderen Schulkameraden freiwillig gemeldet, einen kurzen Gedenktext zu verlesen. "Das was damals in den Medien stand, waren fake news", hieß es da. "Es handelte sich nicht um einen Aufstand der Bevölkerung, sondern war zentral geplant." Denn die Plünderung der Synagoge und Zerstörung des Kaufhauses Spanier wurden in ganz Deutschland als Reaktion der Bevölkerung auf das Attentat von Herschel Grynszpan auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath am 7. November 1938 in Paris dargestellt. In Bünde ging die Initiative von Landrat Hartmann aus, der damit auf eine Mitteilung der Gestapo reagierte. Auch heute noch sei der Judenhass erschreckend aktuell, sagte Bürgermeister Wolfgang Koch und berichtete von einem jüdischen Schüler aus Berlin, der von seinen Mitschülern gemobbt und zum Schein hingerichtet wurde, woraufhin er die Schule wechselte. "Deshalb dürfen die Erinnerungen nicht aus dem Gedächtnis verschwinden. Dadurch können die Jugendlichen ein politisches Bewusstsein entwickeln und sich demokratisch positionieren." Musikalisch begleitet wurde die Veranstaltung von fünf Blechbläsern der Big Band des Gymnasiums am Markt unter der Leitung von Elke Henkemeier mit den Barockstücken Sarabande und Alla Siciliana. »Der Nazismus muss mit seinen Wurzeln vernichtet werden« Abends traf sich die Initiative 9. November Bünde an gleicher Stelle und legte einen Kranz nieder. Als Grußwort wurde ein Brief von der 84-Jährigen Thekla Kahn verlesen, die heute in Florida lebt. Die Enkeltochter der Familie Levison aus Bünde überlebte den Holocaust, da sie im Alter von fünf Jahren von ihren Eltern ins Ausland geschickt wurde. "Ich war zu klein, um mich zu erinnern. Aber eure Nachforschungen in Bünde haben mir die Wahrheit über die Vergangenheit näher gebracht." Die 2015 gegründete Initiative hat sich zum Ziel gesetzte, aus dem Vergangenen Lehren zu ziehen und den Faschismus zu beenden. Die Vereinsmitglieder arbeiten unter anderem die Biografien der ermordeten Bünder auf, da die persönlichen Schicksale das Grauen erst begreifbar machen würden. In seiner Ansprache betonte auch Lennart Langmöller die Notwendigkeit, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen und den Blick dabei auf den gegenwärtig wachsenden Rassismus zu richten: "Gefährlich an dem Einzug der AfD in den Bundestag ist deren Wahrnehmung als gewichtige und ernstzunehmende Kraft im politischen Diskurs, die zu einer Art Normalisierung rechter Positionen beiträgt." Musikalisch begleitet wurde das Gedenken durch den jüdischen Opernsänger Monte Jaffe und Monika Saathoff mit dem Saxofon. Die Veranstaltung endete mit der Verlesung der Namen der ermordeten Juden aus Bünde und einem Zug zum Standort der zerstörten Synagoge.

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