Mehr Licht: Von der in Bünde aufgewachsenen Christine Zeides stammt der Text, der dem Abend seinen Titel gab. Wie so oft illustriert sie ihre Texte mit Schatten-Projektionen. - © Foto: ralf bittner||
Mehr Licht: Von der in Bünde aufgewachsenen Christine Zeides stammt der Text, der dem Abend seinen Titel gab. Wie so oft illustriert sie ihre Texte mit Schatten-Projektionen. | © Foto: ralf bittner||

Bünde Lesung: Stimmen für ein schönes Leben

Fünf Autoren in der Villa: Mit einer eindrucksvollen Lesung der "Herforder Autorinnen- und Autorengruppe" beginnt die Veranstaltungsreihe "Erinnern heißt Partei ergreifen"

Ralf Bittner

Bünde. "Rassismus ist die Unfähigkeit zu hoffen - lasst uns wieder hoffen!", schloss Christine Zeides die Lesung der Herforder Autorengruppe in der Villa Kunterbunt. Unter dem Titel "Mehr Licht!" bildete die "Lesung gegen Rassismus und für ein schönes Leben" den Auftakt zur Veranstaltungsreihe "Erinnern heißt Partei ergreifen" der Initiative 9. November. Fünf der sieben Mitglieder der Autorengruppe, die sich in unterschiedlichen Gattungen bewegen und im Kreis leben oder lebten, stellten vor etwa 30 Zuhören meist selbst geschriebene Texte vor, viele speziell für den Abend geschrieben. Ausgewählt hatten sie Texte, die sich im weitesten Sinne mit Rassismus als notwendiger Folge des "Schneller, Höher, Weiter" in der kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft oder aber von der Chance auf gesellschaftliche Besserung handelten. Nicolas Bröggelwirth eröffnete mit einem Liedtext aus dem Jahr 1993. Der finale Ausbruch "Tobe, zürne, misch dich ein: Sage nein!" war fast so impulsiv wie Aufritte des Lieddichters Konstantin Wecker an seinem Flügel. In einer eigenen Kurzgeschichte ließ der Bünder "Torsten ohne H" über Sinn und Unsinn von Grenzen nachdenken, ein feiner Hauch von Ironie inklusive: Fale, Westfale oder Ostwestfale? Warum ist man froh kein Bayer, Hesse oder Friese zu sein und auch froh, wenn man in Bangkok oder anderen exotischen Orten auf einen Angehörigen dieser Landsmannschaften trifft? Ein Gespräch mit einem Holocaust-Überlebenden Der im Kreis durch zahlreiche Lesungen bekannte Michael Helm hatte eine Art literarisches Interview mitgebracht. Im Zuge des Neubaus der 2010 wieder eingeweihten Herforder Synagoge hatte er für das den Wiederaufbau begleitende Buch mit zehn Gemeindemitgliedern, darunter dem 1923 geborenen Wolfgang Heinemann, gesprochen. Im Gespräch berichtete dieser von seiner Kindheit in Herford, der Nacht als die Synagoge brannte, Deportation und von seinen Erlebnissen im Konzentrationslager Theresienstadt. "Wir freuen uns und wir weinen", beschrieb Heinemann seine Gefühle angesichts des Synagogenneubaus, den er allerdings nicht mehr erlebte. Das im Bielefelder tpk-Verlag 2010 erschienene gleichnamige Buch ist noch im Buchhandel erhältlich. "Wir konnten damals noch nicht darüber sprechen, was die AfD ist, aber ich denke deren Erfolge hätten ihn zutiefst betroffen gemacht", begründete Helm die Auswahl des Textes. Gedichte und Poetry-Slam Der Herforder Ralf Burnicki hatte unter anderem neue Gedichte mitgebracht. In "Kalte Zeiten" fand er starke Bilder für gesellschaftlich aufziehendes Unheil, ließ "Sturmtruppen mit Wolkenfahnen durchs Land" jagen, oder in "Dann und Wann" wie beiläufig "erste Steine hageln" und die "Haltung in die Knie geh?n" und am Ende stand erneut "Schwamm drüber" dere, die nichts gesehen haben wollen. Der aus Kasachstan nach Deutschland übergesiedelte Artur Rosenstern las aus seinem Buch "Planet Germania" und ließ seine Protagonisten beim Therapeuten über den Satz "Hast du was, bist du was" und über die Frage, nach dem Besitz des deutschen Passes nachdenken. Ihr Fazit: "Der Pass ist sicher nicht alles, aber doch der Anfang des langen Wegs zum Deutschsein. Zeides, in Bünde aufgewachsen, aber Medizinstudentin in Berlin, sezierte bildlich und lyrisch die Quellen der Angst, forderte "Mehr Licht!" für eine Welt, die nur meint, dem Mittelalter entkommen zu sein. Die Angst vor dem Dunklen wachse, je mehr man das Dunkle meide, ebenso wie das fremd scheinende fremd bleibe, wenn man es meide. Und in einem Prosatext erklärte sie, dass Abgrenzung nach außen ein Zeichen für fehlenden inneren Frieden sei. Das gelte für Menschen und Gesellschaft. Damit gab sie den Zuhörern Einiges zum Nachdenken mit auf den Heimweg.

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