Bünde "Da kommen wir später zu"

Kabarett: Hagen Rether spielte am Donnerstagabend im Stadtgarten. Vor 500 Zuschauern entwickelte er seine philosophischen und politischen Standpunkte

Nicolas Bröggelwirth

Bünde. Die Bemühung, sich neue Namen für seine Programme auszudenken, macht sich Hagen Rether nicht. Wenn er auftritt, heißt es zynisch einfach: "Liebe". Der Mann, der kategorisch keine Interviews gibt, doziert direkt a priori in das Über-Ich seiner Zuschauer. Doch gerade die Definition der Ethik fällt ihm nicht leicht, im Gegenteil ist es das, was ihn umtreibt. "Erst kommt das Fressen, dann die Moral." Rether hält diesen Satz von Bertolt Brecht für falsch. Aber nur, weil er eine ganz eigene Perspektive dazu einnimmt und durch Erweiterung den Zuhörer zu ihr verführt. "Wann ist uns eigentlich die Empathie abhandengekommen? Mit der steigenden Gier?" Andere Kabarettisten versuchen, den erhobenen Zeigefinger stets und manchmal auch krampfhaft zu meiden, Hagen Rether hat ihn zur metaphorischen Kunstform erhoben. Gerne benutzt er dabei die rhetorische Methode der Frage, wie sie Plato in den Mund von Sokrates legte. Auf moralisch starkem Weg führt er das Auditorium zu einer Synthesis, welche diese am Ende nicht einmal mehr begreifen kann, aber dennoch seiner Meinung ist. Manch einer wird sich fragen, an welcher Stelle er falsch abgebogen sei. Rether selbst beantwortet seine Klimax oft mit der Phrase: "Ich verstehe das nicht." Nicht weniger direkt drückt die Komplexität seiner Themen sein mittlerweile beliebterer Satz aus: "Aber da kommen wir später zu". Der Träger des "Prix Pantheon" strahlt mit tiefer Stimme und durchaus pastoralem Ton eine große Gelassenheit und Ruhe aus. Nichts scheint ihn wütend oder sauer zu machen, ihn gar aus der Fassung zu bringen. Die Pointen sind nicht dicht gesät, aber gut entwickelt, und sie funktionieren. Doch wenn man ganz genau oder nicht ganz so genau hinhört, vernimmt man einen leichten Zorn über die soziale, politische und emotionale Inkompetenz der Massen, welcher aus der eigenen Unfähigkeit entspringen mag, den Homo sapiens nicht durch einen einzigen Satz zum Homo ratio zu erheben. "Voltaire, Lessing und Kant haben vor Jahrhunderten eine Zivilgesellschaft gebastelt, und doch braucht es nur wenige, um sie in ein paar Momenten wieder kaputt zu machen." Ein Fernsehsender wie Arte sei für die Nicht-Elite halt verschlüsselt. Er legt nicht nur Finger in Wunden, er bohrt darin herum Er erklärt, dass es einen deutlichen Unterschied zwischen rechter und linker Gewalt gibt und Deutschland eine "hochneurotische Gesellschaft ist, völlig durchknallt". Ist das Satire oder der Versuch, sich mit Resignation gegen Resignation zu wehren? "Wer überall regiert in der Welt. Ertappen Sie sich auch manchmal dabei, dass Sie froh sind, dass wir die Merkel haben? Ich dachte nie, dass ich diesen Satz mal sagen würde." Besonders Trump hat es ihm angetan. Mit Genuss arbeitet er sich an ihm ab und erklärt ihm, dass die Amerikaner natürlich am meisten zahlen müssten, weil sie ja auch den meisten Mist machen würden. "Gegen Trump war George W. Bush ein hypersensibler Literaturwissenschaftler." Sich eine Eintrittskarte zu kaufen, in die Veranstaltung zu gehen, sich hinzusetzten, sich zurückzulehnen und sich einfach unterhalten zu lassen, so funktioniert ein Abend mit dem gebürtigen Bukarester einfach nicht. Man muss damit rechnen, dass einem das Lachen im Halse steckenbleibt. Denn der 48-Jährige legt nicht nur Finger in Wunden, er kratzt sie gerne auch noch einmal auf und bohrt darin herum, um emotional bei seinem Publikum noch eine Ebene tiefer zu gelangen. "Ich wundere mich manchmal, dass die Leute sich so wundern."

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