Liest am Freitag aus seinem neuen Buch: Der Bünder Autor Norbert Horst mit seinem neuen Kriminalroman "Kaltes Land". Es ist der dritte Teil um den Ermittler Thomas Adam, genannt "Steiger". - © Anne Webler
Liest am Freitag aus seinem neuen Buch: Der Bünder Autor Norbert Horst mit seinem neuen Kriminalroman "Kaltes Land". Es ist der dritte Teil um den Ermittler Thomas Adam, genannt "Steiger". | © Anne Webler

Bünde Neuer Krimi: Viele Namen, doch keine Identität

Norbert Horst hat vergangene Woche sein neues Buch "Kaltes Land" veröffentlicht. Darin schreibt der Bünder Autor über unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Lesung am Freitag

Anne Webler

Bünde. Norbert Horst sieht in seinem Beruf täglich Drogendealer, Prostituierte und Betrüger. Bei der Polizei Bielefeld ermittelt er im Kommissariat für Ausländerkriminalität, Drogen und Rotlicht. Auch mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen hat er täglich zu tun. Über sie schreibt er in seinem gerade erschienenen siebten Buch "Kaltes Land". Es beginnt mit dem kriegstraumatisierten Dzhamal aus Tschetschenien, dessen Vater neben ihm erschossen wurde, als er 13 war. Seither hat er unzählige Tote und Verstümmelte gesehen. "Die Jugendlichen melden sich in Deutschland mit falschem Namen, weil sie dann nicht abgeschoben werden können", erzählt Horst (61) von seiner Polizeiarbeit. Personen mit falscher Identität nimmt das Heimatland nicht auf. Die deutschen Behörden dulden sie. Die Jugendlichen kommen aus Afghanistan, Mali, Ghana, Nigeria, Togo, Marokko. "Wir Europäer beuten Afrika seit 200 Jahren aus", sagt Horst. Nun machten sich einige Menschen aus diesen Ländern das deutsche System zunutze. »Einige haben 30 falsche Namen« "Sie hauen aus den Einrichtungen ab und sind weg", erzählt Horst von den Jugendlichen. Sie wollen zu ihren Eltern, die vorausgegangen sind, oder die Polizei kommt ihnen zu nahe und sie versuchen es in einer anderen Stadt neu. Einige sind kriminell, andere nicht. "Einige haben 30 Identitäten", erzählt Horst. "Man weiß kein bisschen, mit wem man es zu tun hat." Ihre Fingerabdrücke würden erst nach Monaten genommen. 6.000 unbegleitete Minderjährige würden in Deutschland vermisst, schätzte das Bundeskriminalamt. Nach 14 Tagen würden sie aus der Fahndung genommen. "Kaltes Land" ist der dritte Krimi, in dem Horsts Hauptfigur Thomas Adam, genannt "Steiger", und seine Kollegin Jana Goll ermitteln. Steiger ist ein Anti-Karrieretyp, er ermittelt mit Herz und beinah grenzenlosem Engagement. Der Krimi spielt wie die ersten beiden Teile in Dortmund. Warum Dortmund? "Die Dortmunder Nordstadt ist einmalig in Deutschland", erzählt Horst. Ein Stadtviertel der Straßenprostitution und des Drogenhandels. Für die Recherche fährt Horst immer wieder für ein paar Tage hin und begleitet Kollegen in die Rotlichtläden. "Ich liebe das Ruhrgebiet. Diesen Moloch." Die Großstädte, die ineinander fließen. "Das ist fast wie Los Angeles." Einmal sei er in ein Bergwerk unter Tage gefahren. Es war eines der beeindruckendsten Erlebnisse seines Lebens. Die Bahnhofshallengröße des Stollens, die Hitze, die Zugluft. Als Schalker sei es ihm schwergefallen, seinen Roman in Dortmund spielen zu lassen. Deshalb ist Steiger Schalke-Fan. Über der Tür seines Büros hängt eine Schalke-Uhr. Figuren und Handlung entwirft Horst bis ins Detail - bevor er ein Buch schreibt. Zu Hause an der Wand skizziert er die Handlungsstränge, jedes Buch stellt er im Stil einer Familienaufstellung auf, um zu testen, ob es funktioniert, ob es rund ist. "Das Buch ist fertig, bevor ich anfange zu schreiben." Für seine ersten drei Bücher hat Norbert Horst Preise bekommen, unter anderem den Deutschen Krimipreis. Seine Sätze formuliert er außerordentlich fein. "In einem guten Krimi geht es weniger um die Krimihandlung, als um das Drumherum", sagt er. "Norbert Horst macht aus Polizeiarbeit Literatur", schrieb Die Zeit über ihn. "Alles, was ich kann, hab ich in der Bünder Schreibwerkstatt gelernt", sagt Horst. Bei Thomas Schneider. 1987 fing er an, bei Schneider Lyrik, szenische Texte und Essays zu schreiben. Er liest heute noch Horsts Manuskripte. Sein engster Ratgeber ist seine Frau Elke Wehrmann-Horst: Sie liest jedes Kapitel, sobald es aus dem Drucker kommt. »Den 11. Mai 2001 werde ich nie vergessen« Sechs, sieben Monate schreibe er jede freie Minute an einem Buch, erzählt Horst. "Ich schreibe nicht gerne, aber habe gerne ein von mir geschriebenes Buch", zitiert er einen Freund und lächelt. Nie vergessen wird er den 11. Mai 2001: "Um 11.55 Uhr rief der Goldmann-Verlag an. Wir würden gerne Ihr Buch verlegen." Horst hatte das Manuskript einem kleinen Verlag geschickt. Gunnar Kwisinski, damals mit der Verlagsleiterin verheiratet und Übersetzer der Verlagsgruppe Random-House, schickte es an den Goldmann-Verlag - Horsts Eintrittskarte, dass sein Manuskript gelesen wurde. Inzwischen fragt der Verlag an, wann er das nächste Buch liefert.

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