Polizisten der Kradstaffel warten in Brake auf einen Demonstrationszug von mehr als 100 Motorradfahrern, um ihn durch den Kreis Herford zu geleiten und abzusichern. An der Stelle übernehmen sie die Biker-Kolonne von ihren Bielefelder Kollegen. - © GERALD DUNKEL
Polizisten der Kradstaffel warten in Brake auf einen Demonstrationszug von mehr als 100 Motorradfahrern, um ihn durch den Kreis Herford zu geleiten und abzusichern. An der Stelle übernehmen sie die Biker-Kolonne von ihren Bielefelder Kollegen. | © GERALD DUNKEL

Bünde / Kreis Herford Gesetzeshüter auf zwei Rädern

Was den Job der Motorradpolizisten im Kreis Herford ausmacht.

Gerald Dunkel

Bünde/Kreis Herford. Argwöhnisch betrachteten viele Polizisten 2014 ihre Kollegen der neuen Kradstaffel im Kreis Herford. "Krad" ist das oft im Militär- und Polizeijargon benutzte Kurzwort für "Kraftrad". Wie will man sie einsetzen? Was tun sie den ganzen Tag? Solche Fragen standen im Raum. Heute aber möchten die Polizeibeamten im Streifenwagen ihre fünf wendigen Kollegen auf zwei Rädern nicht mehr missen. Das war kurz vor der Einführung der Kradstaffel im Kreis Herford noch ganz anders. Wenn Wolfgang Helm und Willi Kreft vom Verkehrsdienst der Polizei im Dienst auf ihre BMWs steigen, dann sicher auch, weil sie ein besonderes Verhältnis zum Motorradfahren haben, denn sonst würden sie wohl kaum der Kradstaffel der Kreispolizei angehören. Aber es sind alles andere als Spaßfahrten. "Wenn du die ganze Woche über gefahren bist, hast Du am Wochenende nicht mehr wirklich Lust darauf, mit der eigenen Maschine eine Tour zu machen", sagt Wolfgang Helm. Etwa 600 bis 800 Kilometer legen er und seine vier Kollegen der Kradstaffel pro Woche zurück - je nach Einsatzlage. Vor vier Jahren wollte das NRW-Innenministerium bei den Motorradpolizisten sparen und ihre Anzahl stark reduzieren. Von knapp 1.300 sollten nur noch 700 übrig bleiben. Die Zahl der Maschinen sollte von 534 auf etwa 400 sinken. Davon waren auch die Polizeiwachen im Kreis Herford betroffen. Aus Düsseldorf hieß es sinngemäß: "Entweder ihr bildet eine Kradstaffel, oder wir nehmen euch eure Motorräder weg." Der damalige NRW-Innenminister Ralf Jäger fand Motorräder im Polizeidienst zwar "sinnvoll, aber nicht zwingend notwendig". Das sahen viele Behördenleitungen in den Landkreisen anders, wie sich kurz darauf herausstellte. Auch hier, wo bis dahin nur drei Kräder im Kreis im Dienst waren: Jeweils eines für den Streifendienst auf den Hauptwachen in Herford und Bünde und ein weiteres beim Verkehrsdienst in Herford, das kreisweit eingesetzt war. In Löhne gab es kein Motorrad, wohl aber eine Fahrerin, die sich bei Bedarf die Maschine aus Bünde holte. "Vor der Einrichtung der Kradstaffel waren die Maschinen wesentlich weniger ausgelastet", sagt Willi Kreft. Dienst auf dem Motorrad galt als Luxus. Die Begleitung und Absicherung einer Demonstrationsfahrt von Motorradfahrern von Hamm nach Berlin steht an einem Donnerstag Ende August für die in Bünde stationierte Kradstaffel auf dem Dienstplan. Neben Wolfgang Helm nahmen noch Willi Kreft und Matthias Feld die Biker-Truppe mit mehr als 100 Maschinen in Brake in Empfang, um sie durch den Kreis Herford bis nach Bad Oeynhausen zu begleiten. Was liegt da näher, als das mit Motorrädern zu erledigen? »Festgenommene kann ich ja nicht aufs Motorrad packen« Vorfahren, Kreuzungen sperren und darauf achten, dass die Mega-Kolonne die vorgegebene Geschwindigkeit von 60 Kilometer pro Stunde einhält und zusammenbleibt - das sind die Hauptaufgaben der drei Polizeibeamten bei diesem Einsatz, der an diesem Tag nur vorerst der einzige sein soll, bei dem sie konkret als Team agieren. Danach fährt wieder jeder seiner Wege - jedenfalls bis zum späten Nachmittag. Als Innenminister Jäger 2013 den Rotstift ansetzen wollte, waren im Bestand der NRW-Polizei etliche Maschinen mit einer Erstzulassung aus dem Jahr 1990. Zum Waschen und zum Ölwechsel fahren, das war in den Augen der Argwöhnischen das Einzige, was mit vielen Maschinen in den Dienststellen - gutes Wetter vorausgesetzt - geschehen würde, wie aus Medienberichten jener Zeit hervorgeht. Natürlich ist Motorradfahren bei schönem Wetter angenehmer. "Wir sind aber das ganze Jahr über unterwegs", sagt Wolfgang Helm. Nur wenn die Wetter- oder Straßenverhältnisse eine Gefahr für die Motorradpolizisten darstellen, bleiben die Maschinen in der Wache. "Wir haben oft eine ganz andere Nähe zur Bevölkerung als es die Kollegen in den Einsatzwagen haben können", sagt Wolfgang Helm. Das soll sich später noch in Löhne bestätigen. "Die Bürger sprechen Beamte im Auto selten an. Wenn wir mit dem Motorrad da stehen, kommen sie mit uns aber oft ins Gespräch." Auch das Überraschungsmoment ist auf der Seite der Motorradpolizisten, denn als Wolfgang Helm an jenem Vormittag von Löhne über ländliche Straßen in Richtung Herford unterwegs ist, trifft er auf einer schmalen Brücke über der A30 drei Jungen an. "Heute musst du mit allem rechnen. Auch mit Jugendlichen, die von einer Brücke Steine auf fahrende Autos werfen", sagt er. Doch diese drei gaben an, einen Freund auf der anderen Seite der Autobahn besuchen zu wollen und waren sichtlich beeindruckt von der plötzlichen Ansprache. Prävention allein durch Präsenz. Später erzählt ein Mann in einem verkehrsberuhigten Bereich in Löhne Helm ausführlich von seinen negativen Erlebnissen mit dem Zoll an der Grenze zur Schweiz. Kurz darauf verlegt Helm nach Tempokontrollen seinen Standort an eine andere Straße, um die Ladungssicherheit bei Lkw zu kontrollieren. Begleitung von Demonstrationen, Absichern von Gefahrenstellen, Aufnahme von kleineren Unfällen, Eskorten, wie kürzlich erst beim Besuch der Bundeskanzlerin, Verfolgungen oder die Vermisstensuche - das sind die Aufgaben, bei denen die Motorradgruppe ihre Stärken ausspielen kann. »Letztlich können die Kradstaffeln auch Geld und Personal sparen« Für unwegsames Terrain steht eine geländegängige Maschine zur Verfügung. Bei Ladendiebstählen oder Einsätzen bei häuslicher Gewalt könnten Angehörige der Kradstaffel lediglich unterstützend einspringen und müssten auf die Kollegen mit vier Rädern warten. "Ich kann mir ja keinen Festgenommenen als Sozius aufs Motorrad packen", sagt Wolfgang Helm und schmunzelt über das Bild, das sich ihm gerade vor dem inneren Auge zeigt. Letztlich können die Motorradgruppen der Polizei auch Personal und Geld sparen, weshalb sich die Behördenleitung in Herford letztlich für die Kradstaffel entschied. "Bei kleineren Unfällen reicht oft ein Beamter. Habe ich aber nur Streifenwagen im Einsatz, sind auch bei Kleinstunfällen immer zwei Beamte gebunden", sagt Helm. Während der Lkw-Kontrollen in Löhne hört er über Funk von einem Unfall in Bruchmühlen. Drei Fahrzeuge sind beteiligt, aber keine Verletzten. Blaulicht und Martinshorn sind insofern nicht nötig. Keine zwölf Minuten später kommt er 22 Kilometer entfernt über die A30 auf der Kilverstraße an, wo die Maschine vom Kollegen Matthias Feld steht, der mit der Unfallaufnahme begonnen hat. In den nächsten 35 Minuten arbeiten sie gemeinsam - wie Stunden zuvor bei der Biker-Demo - an einer Sache. Aber sie kamen von unterschiedlichen Einsätzen und werden später in unterschiedliche Richtungen fahren. So setzen sich die Polizeibeamten auf zwei Rädern selbst flexibel zu Teams zusammen und agieren kurz darauf schon wieder autark, flexibel und schnell. An diesem Tag zwar bei ausgesprochen schönem (Motorrad)-Wetter - aber eben auch, wenn der Spaß- und Freizeit-Biker sich und seine Maschine lieber im Trockenen und Warmen sieht.

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