Ein großes Ensemble: Vokalartistin Marena Whitcher (v.l.), Trompeter Damir Bacikin, Komponist Helmut Oehring, Schauspielerin Dagmar Manzel, Gitarrist Nico von Wersch, Schlagzeuger Lukas Rutzen und Akkordeonist Felix Kroll. - © Philipp Tenta
Ein großes Ensemble: Vokalartistin Marena Whitcher (v.l.), Trompeter Damir Bacikin, Komponist Helmut Oehring, Schauspielerin Dagmar Manzel, Gitarrist Nico von Wersch, Schlagzeuger Lukas Rutzen und Akkordeonist Felix Kroll. | © Philipp Tenta

Bünde/Rödinghausen Wege durch das Land: Ungewohnte Klangeffekte

Der Komponist Helmut Oehring bietet mit seinem Ensemble auf Gut Böckel ein abwechslungsreiches Programm

Philipp Tenta

Bünde/Rödinghausen. Abende auf Gut Böckel haben immer einen ganz besonderen Charme. Vor der Veranstaltung die Gelegenheit durch die historischen Gartenanlagen zu flanieren oder sich kulinarisch auf hohem Niveau verwöhnen zu lassen. Man fühlt sich aufgenommen bei „Reich und Schön", auch wenn die Wegweiser für die angekündigte Konzertlesung in den Kuhstall führen. Hinter dem verstörenden Namen des Veranstaltungsraumes verbirgt sich aber ein Konzertsaal mit historischem Tonnengewölbe und einer für klassische Konzerte fantastischen Akustik. Ein hochkarätiges Ensemble stand erwartungsgemäß auch diesmal auf der Bühne. Mit Helmut Oehring war einer der wichtigsten zeitgenössischen deutschen Komponisten als Sprecher, Gitarrist, Ensembleleiter und Komponist aller aufgeführten Werke eingeladen. Man kennt ihn als politisch engagierten Künstler, für dessen vitale, klangfarben-frohe Musik sowohl Bruno Maderna als auch Frank Zappa als Paten sicher gerne bereit gestanden hätten. Hier war er von einer ungewohnt intimen Seite zu erleben. Ungewohnte Spieltechniken und Klangeffekte waren bei diesem Programm nicht dann und wann eingesetzte Spezialeffekte oder Provokationen, sondern Grundlage für ein musikalisches Gesamtkonzept. 
Mehrere Kompositionen und Musiktheaterproduktionen der vergangenen Jahre hatte Oehring für diesen Abend neu zusammengeführt und miteinander kombiniert. Als zentrales Werk stand die Uraufführung von „Der Vogel weiß" über ein Gedicht von Johannes Bobrowski auf dem Programm. Die Anregung, dieses Gedicht zu vertonen, kam von Dagmar Manzel, eine der ganz großen Theater- und Filmschauspielerinnen. Auch auf den großen Musiktheaterbühnen ist die Grimme-Preisträgerin zu hause, während sie dem Normalsterblichen vor allem als fränkische Tatort-Kommissarin in Erinnerung geblieben ist. Hier war sie nicht nur als Sängerin und Rezitatorin zu erleben, sondern auch als Ensemblemitglied. Damir Bacikin eröffnete den Abend mit Klängen aus der Ferne. Erst als er die Bühne betrat, war man sich sicher, einen Trompeter zu hören. Das in diesem Jahr entstandene Präludium für Trompete solo mutierte nach und nach zu einer Begleitmusik für eine Lesung von Texten aus „Mit anderen Augen" der Autobiographie Oehrings. So verlief auch das gesamte Programm dieses Abends. Man konnte sich entweder verzweifelt an das Programmheft klammern und überlegen, an welchem Programmpunkt man sich gerade befindet, oder sich von Poesie und Musik davontragen lassen. Letzteres schien empfehlenswerter.
Die mitgebrachten Solisten sind für Oehring erprobte Komplizen bei der Umsetzung seiner musikalischen Ideale. Obwohl allesamt hochkarätige Solisten, ordnen sich alle in das entstehende Gesamtkunstwerk ein. Der experimentelle Umgang mit Instrumenten und Stimme mochte manchen Zuhörer fragen lassen, ob diese Leute auch richtig spielen können! Marena Whitcher tourt international mit eigenen Jazzformationen. Auch Gitarrist Nico van Wersch und Schlagzeuger Lukas Rutzen sind parallel sowohl in der zeitgenössischen Musik als auch dem Jazz zu hause und international gefragt. Felix Kroll arbeitet nicht nur mit namhaften Komponisten zusammen, sondern ist auch regelmäßiger Gast bei Formationen wie dem Babelsberger Filmorchester oder dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. Nach einem abwechslungsreichen, zweistündigen Programm wurde das Publikum in die Parkanlagen von Gut Böckel entlassen. Die Abendsonne schien am Himmel, aber sicher nicht nur dort.

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