Einfach streichen: Einen neuen Straßennamen könnte man zusätzlich anbringen. So würden Adressen ihre Gültigkeit behalten. - © Foto: Haselhorst
Einfach streichen: Einen neuen Straßennamen könnte man zusätzlich anbringen. So würden Adressen ihre Gültigkeit behalten. | © Foto: Haselhorst

Bünde Die Debatte um die Lettow-Vorbeck-Straße geht weiter

Lettow-Vorbeck-Straße: Mit 7 zu 7 Stimmen lehnte der Verkehrsausschuss einen Antrag der Grünen ab, dass von Seiten der Stadt eine interfraktionelle Info-Veranstaltung zum Namensgeber initiiert wird

Gerald Dunkel

Bünde. Über die deutsche Vergangenheit - oder besser gesagt, deren Bewältigung - lässt sich trefflich diskutieren. Das machte der Verkehrsausschuss der Stadt Bünde jetzt vor. Soll man eine Straße, die den Namen eines Mannes trägt, der von höchster Stelle in Deutschland zum Mörder und Verbrecher erklärt wurde, umbenennen? Zu einer Entscheidung hierüber kam es gar nicht. Die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen wollte nicht mehr, als lediglich die Stadtverwaltung damit zu beauftragen, eine Informationsveranstaltung - insbesondere für die Anlieger der Lettow-Vorbeck-Straße - zu organisieren, die über das Leben und Wirken des Namensgebers informiert. Ziel sollte es sein, Ratsmitglieder und Bürger zu einer Entscheidung zu befähigen, ob die Lettow-Vorbeck-Staße nun umbenannt werden soll - oder vielleicht doch nicht. Georg Kruthoff, im Rat Vorsitzender der CDU-Fraktion, lehnte sich zitierend an das Parteiengesetz: "Es ist ihre ureigenste Aufgabe als Partei, die Bürger über Themen aufzuklären, von denen sie glauben, dass sie darüber aufgeklärt werden müssen. Aber bestimmt nicht Aufgabe der Stadtverwaltung." Martin Schuster (CDU) legte nach: "Wir sehen eine Umbenennung einfach nicht als sinnvoll an." Auch Sven Schäffer (FDP) sah keinen wirklichen Grund dafür. Uwe Mausch von den Grünen fand das "erschütternd": "Es handelt sich hier nicht um ein historisches Schmankerl. Wir wollen hier auch nicht als Partei in Erscheinung treten, sondern lediglich eine neutrale Informationsveranstaltung beantragen." Es sei nach den Worten von Norbert Darnauer (UWG) "ehrlicher", einfach eine Umbenennung der Straße zu beantragen, wenn man das wolle. "Wenn man dieser Umbenennung stattgeben würde, bekommen wir in ein oder zwei Jahren den nächsten Antrag für die Umbenennung der Hindenburg-Straße. Am besten", so Darnauer mit einer Portion Zynismus, "wäre, wenn wir nur noch Blumennamen für Straßen vergeben würden. Aber keine von Rosen, weil die stechen." Martin Schuster ergänzte, dass man nicht alle Namen entfernen könne, an die man nicht erinnert werden möchte und forderte damit Wolfgang Pohl (SPD) heraus: "Demnach hätte man nach dem Zweiten Weltkrieg auch die Hitler- und Göring-Straße nicht umbenennen dürfen." Elmar Holstiege (Grüne) betonte in der Diskussion erneut, dass es sich um eine Veranstaltung handeln soll, in der es nicht darum gehen soll, dass seine Partei damit im Vordergrund stehe und öffentlich der Eindruck entstehen könne, die "Grünen hätten einen Referenten engagiert, der ihre Meinung vertritt", sondern darum, dass "Lettow-Vorbeck in der Nazi-Zeit mit der Benennung der Straße geehrt werden sollte. Und die Umbenennung wurde nach dem Krieg nicht vollzogen", so Holstiege. Es gehe dabei nicht um das Vergessen des Namens, aber darum, einem Völkermörder nicht noch in einem Straßennamen zu ehren. Letztlich war die Entscheidung knapp. Mit 7:7 Stimmen wurde der Antrag der Grünen, der dahingehend umformuliert wurde, dass die Stadtverwaltung zumindest zu einer interfraktionellen Sitzung zum Thema „Lettow-Vorbeck-Straße" einlädt, im Verkehrsausschuss abgelehnt. Kommentar Warum denn mit so viel Aufwand? Dass man nach Paul Lettow-Vorbeck heute keine Straße mehr benennen würde, ist mittlerweile unbestritten. Die Benennung nach ihm geschah im dunkelsten Teil der deutschen Geschichte. Und während die "Hitler-" und "Göring-Straßen" nach dem Zweiten Weltkrieg umbenannt worden waren, prangt "Lettow-Vorbeck" noch heute auf vielen Schildern - im Übrigen auch von Bundeswehr-Kasernen. Erst spät wurden Fakten um ihn bekannt, die am "Mythos Lettow-Vorbeck" kratzten und den einstigen "Helden" zum Kriegsverbrecher und rassistischen Publizisten werden ließen. Nichts macht man durch die Umbenennung von Straßen ungeschehen - leider. Man kann aber zeigen, dass man sich davon deutlich distanziert. Die Idee der Grünen, einen unabhängigen Referenten einzuladen, der über Lettow-Vorbeck informiert, ist gut gemeint. Aber warum eine große Bürgerbeteiligung - vielleicht gar einen Bürgerentscheid - starten? Die Umbenennung einer Straße fällt bestimmt noch in die (ungeteilte) Kompetenz gewählter Lokalpolitiker. Der kurze Weg, einfach das zu fordern, was man will, ist oft der bessere. Die Idee, den Namen auf Schildern noch lesbar durchzustreichen und den neuen Namen darunter zu platzieren, ist gut und hätte gleich als Antrag im Ausschuss am Mittwoch formuliert werden sollen - nicht nur von den Grünen, die sich des Themas bereits per Antrag angenommen hatten. Nach außen hin würde dieser Umgang mit derlei Schildern dokumentieren: Hier ist man sich der Vergangenheit bewusst. Hier zeigt man, dass man zu den Taten der einst Geehrten Abstand nimmt. Die einfache Umbenennung könnte das nicht. Wie wäre es mit "Reinhard-Spanier-Straße"? Nur so als Vorschlag. Verdient hätte er es bestimmt - und sicherlich auch noch in 100 Jahren. Was ist ihre Meinung? Schreiben Sie an unseren Autor.

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