Muhannad Saoudi (26) aus Syrien im Gespräch mit NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (l.) und der Landtagsabgeordneten Angela Lück. - © Noah Wedel
Muhannad Saoudi (26) aus Syrien im Gespräch mit NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (l.) und der Landtagsabgeordneten Angela Lück. | © Noah Wedel

Bünde Auf dem Sofa mit Hannelore Kraft

Besuch: Die NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und Landtagsabgeordnete Angela Lück (beide SPD) luden Passanten zum Gespräch. Bürger kritisierten Häcker-Werk und Flüchtlingspolitik

Anne Webler

Bünde. Waldemar Schengel ist der Eisbrecher. Er traut sich als Erster auf die Bühne zu Hannelore Kraft und Angela Lück. Das Mitglied der Bürgerinitiative "Gewerbegebiet Muckum - nein danke" spricht das in Muckum geplante Häcker-Küchenwerk an. Ein 30 Hektar großes Industriegebiet solle im Landschaftsschutzgebiet entstehen, sagt Schengel. "Wenn wir unser Gebäude umbauen, geht das nur unter großen Auflagen. Aber ein 30 Hektar großes Industriegebiet ist kein Problem." Die Unternehmen im Kreis Herford müssten sich erweitern können, sagt Lück. Es sei wichtig, die Arbeitsplätze hier zu halten. Die Küchenindustrie sei ein wichtiger Industriezweig, sagt Kraft. Auch Hans Köhler spricht sich gegen das zweite Häcker-Werk aus: "Was wir an Natur kaputt machen sollten wir trennen vom Argument der Arbeitsplätze." Die Ministerpräsidentin schlägt eine Bürgerversammlung mit Politikern und Unternehmensvertretern vor. Die finden Schengel und Köhler gut. Susanne Steinsiek (40) fordert mehr Kitaplätze. Ein vierjähriges Mädchen einer ukrainischen Familie habe keinen Platz bekommen und brauche ihn so dringend, um Deutsch zu lernen. "Bei uns liegt Geld bereit für jeden Kitaplatz", sagt Kraft. Die Städte und Gemeinden bauten ihr Kitaangebot nicht schnell genug aus. Viele Kommunen hätten die Nachfrage unterschätzt. Trotzdem müssten sich die Familien darauf verlassen können. Eventuell müssten Kommunen mobile Kitas einsetzen, wie es einige Städte in NRW bereits praktizierten. "Vielleicht ist nicht immer ein Kitaplatz um die Ecke möglich. Aber der Rechtsanspruch gilt", sagt Kraft. Kitas bräuchten flexiblere Öffnungszeiten, die SPD wolle die Gebührenfreiheit auf 30 Betreuungsstunden pro Woche ausweiten. Steinsiek bittet Kraft um mehr Personal und eine bessere Ausbildung: Sie sei Lehrerin am Berufskolleg in Minden, im vergangenen Jahr hätten einige Schüler ihre Erzieher-Ausbildung nicht beenden können, weil sie keinen Berufspraktikumsplatz gefunden hätten. "Das darf nicht sein", sagt Kraft. "Melden Sie sich, wenn so etwas passiert." Uwe Gudd aus Bünde findet den Rundfunkbeitrag viel zu hoch. 210 Euro im Jahr seien für einige Familien viel Geld. Die öffentlich-rechtlichen Sender seien ein "aufgebauschtes System mit immensen Gehältern", das er nicht mitfinanzieren wolle. Auf seine Frage, ob die öffentlich-rechtlichen Sender doppelte Renten zahlten, empfiehlt Kraft ihm, dem Rundfunkrat zu schreiben ("Die Mail leite ich gerne weiter."). Hans Köhler geht noch einmal auf die Bühne, diesmal kritisiert er den durch die Bundesregierung erschwerten Familiennachzug von Flüchtlingen. Es sei eine ungeheure Belastung für Familien, sich jahrelang nicht zu sehen. Er verstehe nicht, dass Politik das zulasse. Sie kämpfe für eine schnelle Familienzusammenführung, sagt Kraft. Auf Köhlers Kritik, dass die Bundesregierung Afghanistan als sicheres Herkunftsland erklärt hat, sagt sie, der Bericht des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen besage, dass es nicht überall in Afghanistan gefährlich sei. Deutschland habe ein gutes Asylsystem. Nach Afghanistan würden keine Familien zurückgeführt, sondern nur alleinreisende Männer. Muhannad Saoudi (26) aus Syrien erzählt, er sei seit zwei Jahren in Deutschland, seit fünf Monaten habe er eine Aufenthaltsgenehmigung. Er finde jedoch keine Wohnung. Sobald ein Vermieter erfahre, dass er aus Syrien stamme, lehne er ab. "Liebe Bünder, wer kann Muhannad Saoudi eine Wohnung vermieten?", fragt Kraft. Nach Saoudi nimmt Gunther Haas auf dem Sofa Platz. Er sorgt sich, dass aufgrund der hohen Integrationskosten die Haltung gegenüber den Flüchtlingen feindselig werden könne. "Wir haben nirgendwo Geld gekürzt", sagt Kraft. Das sei wichtig, sonst gehe die Akzeptanz verloren. Die Ehe von Mann und Frau werde zunehmend entwertet, behauptet Manfred Jähn. In ihrer Familie lebe ein schwules Paar seit 40 Jahren zusammen, erzählt Kraft. "Ist nicht vor allem wichtig, dass da viel Liebe ist?" Die SPD wolle Menschen in ihren Lebens- und Liebesformen unterstützen. Die Stunde ist um, Kraft gibt noch ein Autogramm, ein Foto mit einem jungen Rollstuhlfahrer, zwei junge Männer bitten zum Selfie. Dann geht?s zurück zum Bus.

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