Auf dem Gewölbedachboden: Ernst Tilly (l.) und Mathias Polster an einer Stelle des Dachbodens, der die Grenze zweier Bauphasen markiert. Polster kann das sehr gut an den unterschiedlichen Kuppeln erkennen. Fotos: Meiko Haselhorst - © Meiko Haselhorst
Auf dem Gewölbedachboden: Ernst Tilly (l.) und Mathias Polster an einer Stelle des Dachbodens, der die Grenze zweier Bauphasen markiert. Polster kann das sehr gut an den unterschiedlichen Kuppeln erkennen. Fotos: Meiko Haselhorst | © Meiko Haselhorst

Bünde Die Gewölbe der Laurentiuskirche

Verborgene Räume: Hierhin verirrt sich kaum jemand. Mathias Polster und Ernst Tilly schon. Dabei entdecken sie ein Jahrzehnte altes Handwerker-Überbleibsel

Meiko Haselhorst

Bünde. Wie viele eiskalte Winter mag die Flasche schon auf dem Balken gestanden haben? Und wie viele brüllend heiße Sommer? Wie viele Predigten wenige Meter unter sich hat sie sich anhören müssen? Mathias Polster schätzt das Alter der Flasche auf etwa 100 Jahre. „Da war Weinbrand drin“, glaubt der Bauhistoriker. „Den werden sich hier oben mal die Handwerker gegönnt haben.“ Die Flasche – der Korken steckt noch drin, vom Etikett ist so gut wie nichts mehr übrig – ist für Polster allerdings total nebensächlich. Viel interessanter – weil viel älter – findet er all das Holz und die Steine, die hier auf dem Gewölbedachboden von Bündes ältestem Gotteshaus verbaut wurden. Abgesägte Balken, Unregelmäßigkeiten im Gemäuer – im Moment geht es für Polster vor allem darum, die ältesten Bestandteile der Kirche auszumachen und genau zu datieren. Das ein oder andere dendrologische Gutachten hat er bereits veranlasst. Ergebnis: Das Baumaterial ist teilweise mehr als 800 Jahre alt. „Und das meiste, ob Holz oder Stein, kommt hier aus der Gegend“, sagt er und zeigt auf eine Wand aus Wiehengebirgs-Quarzit. „Wahrscheinlich irgendwo aus dem Raum Rödinghausen“, sagt er. Wie große braune Iglus sehen die Kuppeln hier auf dem Gewölbedachboden aus. „Diese Kirche hat sechs spätromanische Kappen und zwei spätgotische aus Backstein – dazwischen liegen etwa 300 Jahre“, erklärt der Fachmann, während er sich behände durch die Zwischenräume der Erhebungen bewegt. Ernst Tilly vom Förderverein zur Erhaltung des Laurentiuszentrums hat seine liebe Mühe, hinterher zu kommen. Polster läuft teils über die uralten Balken, teils über Stein – teils über zerbrochene Schindeln. „Das sind die sogenannten Zwickel, die Übergänge zwischen Kuppel und Gebäudegrundriss“, erklärt er. „Die gehen etwa eineinhalb Meter tief runter, da hat man damals alles reingekippt, was man nicht mehr mit nach unten nehmen wollte – in diesem Fall auch sehr viele Scherben, wie man sieht.“ Die Entsorgungsmaßnahme hatte aber vor allem statische Gründe: „Damit wurde der nötige Druck auf die Säulen im Kirchenschiff ausgeübt, erst dadurch bekommen sie die nötige Stabilität.“ Für einen so alten Dachboden ist es hier oben ansonsten sehr aufgeräumt. Spinnengewebe und ein bisschen Taubendreck sind hier und da zu sehen, ein bisschen „Kabelage“ für die Beleuchtung im Kirchenschiff hängt von der Decke. „Das ist natürlich alles erst nach dem Krieg gemacht worden“, sagt Polster. Noch neuer dürfte nur der Isolierschaum zwischen den Dachpfannen sein. In den kommenden Monaten, sagt Mathias Polster, wolle er sich mal durch den Schutt der Zwickel wühlen. „Da sind bestimmt nicht nur Scherben drin, da kommen auch noch andere Sachen zum Vorschein, die seinerzeit wertlos waren.“ In manchen Kirchen habe er schon Körperteile von uralten Steinfiguren im Zwickel gefunden. Ob sich hier in der Laurentiuskirche Vergleichbares verbirgt – wer weiß? Vielleicht kommt auch nur eine weitere Weinbrandflasche zum Vorschein. Und die wird mit Sicherheit bis auf den letzten Tropfen ausgetrunken sein – manche Dinge wurden auch damals schon nicht weggeworfen.

realisiert durch evolver group