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Bünde/Kirchlengern/Rödinghausen OP-Marathon nach Glatteisunfällen

Einsatzbilanz: Die Rettungswagen rückten deutlich öfter aus und hatten trotz Schleuderketten Probleme. Ins Lukas-Krankenhaus wurden mehr als 30 Menschen mit Brüchen und Verletzungen eingeliefert

Friderieke Schulz

Bünde/Kirchlengern/Rödinghausen. Das Glatteis am Samstagabend sorgte in und um Bünde für viele Verkehrsunfälle (die NW berichtete). Doch nicht nur zahlreiche Blechschäden gab es zu vermelden – auch viele Arme und Beine fielen den glatten Straßen zum Opfer. „Leider ist es dem Eis egal, ob es sich um ein normales Fahrzeug oder um eines mit Martinshorn und Blaulicht handelt", sagt Magnus Jäger. Der Leiter der Wachabteilung drei berichtet vom schwierigen Vorankommen der Einsatzfahrzeuge: „Wir sind Schritttempo gefahren." Hilfreich wären aber zumindest beim Anfahren die Schleuderketten gewesen, die sich bei den Rettungswagen zuschalten ließen und sich dadurch vor die Hinterachse lägen, wo die Antriebsräder angeordnet seien. Thomas Twelsiek, stellvertretender Leiter der Kreisleitstelle, berichtet von 126 Einsätzen aufgrund des Blitzeises im Kreis Herford. „Es waren aber schon erheblich mehr, als wir sonst bei Glatteis hatten", weiß Feuerwehrchef Rüdiger Meier: „Ansonsten hatten wir einen Kleinbrand, der jedoch schon bei Eintreffen der Feuerwehr erloschen war, und einen Ölunfall in Südlengern." Von dort aus hätten die Kollegen vorbildlich reagiert: „Sie sind auf die A 30 gefahren, als sich die Blitzeisunfälle häuften." Auf der Höhe der Anschlussstelle Rödinghausen/Bruchmühlen in Fahrtrichtung Hannover entdeckten die Feuerwehrleute einen unbeleuchteten Wagen auf der Fahrbahn. „Die Kollegen haben ihn abgesichert und damit womöglich eine Massenkarambolage verhindert." Für die Kälte, die nun in den kommenden Tagen wiederkehren soll, appelliert Meier an alle Bünder, zu Hause zu bleiben, wenn die Behörden dazu raten: „Für die eigene Gesundheit und Sicherheit." Denn wie das Glatteis für die Knochen enden kann, erlebte Bernd-Wolfgang Bär, der am Wochenende als diensthabender Chefarzt der Unfallchirurgie im Lukas-Krankenhaus im Einsatz war. „Wir hatten am Tag schon einige Operationen, die jedoch ganz normal für ein Wochenende waren", sagt der 58-Jährige. Am Abend sei es dann richtig losgegangen. „Minütlich kamen Patienten mit Brüchen nach Glätteunfällen und Stürzen. Bis Mitternacht waren es mehr als 30 Brüche, die wir angeschaut hatten und die auf ihre Versorgung warteten", so der Chefarzt. Er selbst war, wie auch ein anderer Kollege zu dem Zeitpunkt, als sich die Brüche mehrten, zu Hause und machte sich sogleich auf den Weg. „Wir sind aber nicht zur Klinik gekommen, es war einfach zu glatt", sagt Bär und erzählt, dass die Polizei, die sogenannte Spikes auf ihre Räder gezogen hatte, die beiden Ärzte abholen und zum Krankenhaus bringen musste: „Wir kamen keinen Meter voran." Was Bär und sein Kollegen bereits auf dem Weg ahnten, wurde bei steigenden Glatteis-Verletzten Realität: Es begann ein OP-Marathon, zu dem auch zahlreiche nicht- diensthabende Ärzte gerufen wurden: „Von Mitternacht bis zum nächsten Tag um 22 Uhr haben wir durchoperiert. Nach 36 Stunden im OP haben dann am Sonntagnachmittag zwei andere Kollegen übernommen." Insgesamt 20 Glatteis-Operationen führten die Chirurgen am Wochenende durch. Noch immer warten etwa zehn Patienten auf ihre OP: „Das sind die Brüche, die wir vorerst mit einem Gips ruhigstellen konnten", sagt Bär. Viele Speichen-, Ober- und Unterschenkel-, Oberarm- oder Oberarmschaft- sowie Schultergelenksbrüche bis hin zu Beckenringverletzungen seien dabei: „Von diesem Glatteis können wir das gesamte Spektrum der Unfallchirurgie aufweisen." Normal sei dies auch für Bär, der seit mehr als 30 Jahren Unfallchirurg ist, nicht: „Das gibt es nur ganz selten. Vor allem nicht in einem kleineren Krankenhaus." Glatteis und dadurch entstehende Brüche und Verletzungen kämen immer mal wieder während eines Winters vor: „Aber durchoperiert – das gab’s noch nicht." Auch, dass er selbst nicht in die Klinik gekommen sei, habe er noch nie erlebt: „Da gilt unser Dank der Polizei, die somit unser Retter war."

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