Er liebt seine Arbeit: Dr. Emma hält die Tochter einer Krankenschwester in Burkina Faso auf dem Arm und strahlt. Mit 77 Jahren wirkt Dr. Emma äußerst vital und scheint kaum zu altern. "Ich will so lange weitermachen, wie es geht", sagt er. - © privat
Er liebt seine Arbeit: Dr. Emma hält die Tochter einer Krankenschwester in Burkina Faso auf dem Arm und strahlt. Mit 77 Jahren wirkt Dr. Emma äußerst vital und scheint kaum zu altern. "Ich will so lange weitermachen, wie es geht", sagt er. | © privat

Ouahigouya/Bünde Dr. Emma hilft so vielen Kindern wie möglich

Dr. Emma war zwei Wochen für das Hammer Forum in dem westafrikanischen Land Burkina Faso und hat Kinder operiert. Der ehemalige Chefarzt ist nur für ein paar Tage zu Hause, bevor es wieder losgeht

Anne Webler

Ouahigouya/Bünde. Das siebenjährige Mädchen, das vor Theophylaktos Emmanouilidis auf dem OP-Tisch liegt, sieht hochschwanger aus. Ihr Bauch wölbt sich weit vor, als stehe die Niederkunft kurz bevor. Das Mädchen leidet unter einem Nierentumor, größer als ein Fußball. 5,6 Kilogramm zeigt die Waage an, als "Dr. Emma", wie ihn alle nennen, den Tumor nach der Operation wiegt. Der Schnitt reicht vom Rippenbogen bis zum Schambein des Mädchens, auch eine Niere musste Dr. Emma entfernen. Das Mädchen ist eines von 56 Kindern, die Theophylaktos Emmanouilidis, ehemaliger Chefarzt der Chirurgie des Bünder Lukas-Krankenhauses und Vorsitzender des Hammer Forums, in den zwei Wochen in Burkina Faso operiert hat. Insgesamt 150 Kinder hat er untersucht. Der Riesentumor sei eine Routineoperation gewesen, sagt er. Ebenso wie der seitliche Darmausgang, den er einem zwei Tage alten Baby legte, das ohne After geboren wurde, wie die Finger, die er vier Kindern gestreckt hat oder die O-Beine, die er durch eine Operation begradigte. "Das Besondere sind nicht die Operationen an sich, sondern die Tatsache, dass es keine Intensivstation gibt", sagt Dr. Emma. Auch steriles OP-Besteck gibt es meist nicht. Oft kommt das Besteck nass aus dem Sterilisator, ein Zeichen, dass es nicht steril sei, sagt Dr. Emma. Im Kongo, wo er ebenfalls zweimal im Jahr für das Hammer Forum hinfliegt und Kinder operiert, hätten sie das OP-Besteck auf einem Kohlefeuer abgekocht: "Man muss sich zu helfen wissen." Das Paradoxe sei, dass es weniger Infektionen gebe als in Europa. Weil es in Afrika keine gezüchteten Bakterien gebe. "Ein Kind, dass den ganzen Tag im Staub mit Tieren spielt, bekommt keine Infektion." Er könne sich nicht erinnern, dass sich je eine Wunde nach der Operation infiziert habe. Auch Röntgengeräte oder Ultraschall gibt es nicht. "Hier hat man nur seine Hände", sagt Dr. Emma. Die haben in 30 Jahren schon Tausende Kinder operiert, die Handgriffe beherrscht Emma im Schlaf. Operiert hat er in der Ambulanz des Krankenhauses von Ouahigouya, die das Hammer Forum im vergangenen Jahr aufgebaut hat. Seit 2012 engagiert sich die Hilfsorganisation dort. 3.000 bis 4.000 Kinder werden pro Jahr behandelt. Die meisten leiden unter Malaria und Infektionskrankheiten. Wenn sich eine Entzündung im Gehirn bildet, können sie unter Umständen nicht mehr normal sprechen und gehen - und es kann sein, dass Schäden bleiben. Kinder, die vorher schon geschwächt waren, sterben auch an Malaria. Dr. Emma kommt jedes Jahr im Frühjahr und Herbst und operiert wie am Fließband, hilft so vielen Kindern, wie er kann. Im Krankenhaus nebenan gibt es eine Kinderstation mit 35 Betten, hier werden die Kinder nach der Operation weiter behandelt und Notfälle versorgt. Einige liegen hier jedoch und warten auf ihre Behandlung, bis Dr. Emma oder ein anderer Arzt aus dem Ausland kommen. Vielen Kindern kann Dr. Emma helfen, einigen nicht. So wie dem 14-jährigen Jungen, der an einem Nierentumor leidet. Als Dr. Emma den Bauch öffnete, sah er, dass der Tumor so mit der Bauchschlagader, der Hohlvene und der Wirbelsäule verwachsen war, dass er ihn nicht herausoperieren konnte. "Man muss es als Schicksal sehen. Sonst kann man am nächsten Tag nicht weitermachen." Er musste den Jungen so wieder zunähen. Der Junge wird sterben. "Das ist natürlich eine große Enttäuschung, auch für die Eltern, denen ich das mitteilen muss", sagt Emma. "Aber das ist Schicksal." Das müsse man so sehen. "Sonst geht man zugrunde und kann am nächsten Tag nicht weiteroperieren." Man könne nicht alles operieren. Aber davon dürfe man sich nicht entmutigen lassen. "Man versucht, was geht. Aber man muss auch seine Grenzen kennen." Für das Leben vieler Kinder macht Dr. Emma durch seine Operationen einen großen Unterschied. So wie der Junge, dessen rechter Oberarm nach einer schweren Verbrennung am Oberkörper festklebte. Dr. Emma hat ihn vier Stunden lang operiert. "Jetzt kann er den Arm wieder frei bewegen." Oder das achtjährige Mädchen, das einen handtellergroßen, dicken Tumor am Gesäß hatte. Die Eltern kommen mit ihren Kindern zu Fuß von weit her, um sie Dr. Emma zu bringen. Wenn sie eine Nacht auf die Operation warten müssen, übernachten einige auf dem Zementboden vor der Ambulanz und warten am nächsten Tag bis nachmittags um 15, 16 Uhr, bis sie dran kommen. "Zeit hat für uns Europäer eine andere Bedeutung als für die Menschen in Afrika", sagt Emma. "Für uns bedeutet Zeit Geld, für die Afrikaner ist Zeit flexibel." Wenn sich das Team vom Hammer Forum etwas zu essen bestellte, gaben sie oft den Kindern vor der Tür davon ab. Auf die Frage, wann sie zuletzt etwas gegessen hätten, antworteten viele Kinder "gestern" oder "vorgestern". Bis zum vergangenen Jahr gab es auf dem Krankenhausgelände eine Station für unterernährte Kinder, sie musste geschlossen werden, weil alles kaputt gegangen war. Emma hat sie reparieren lassen, hat Strom- und Wasserleitungen gelegt, das Plumpsklo ausgeräumt. 10.000 Euro hat das gekostet. 5.000 Euro gab die Stadt Lahnstein, den Rest finanzierte das Hammer Forum. Bis zu 30 unterernährte Kinder mit ihren Müttern können hier aufgenommen werden. Sie blieben vier bis sechs Wochen. Am 1. Januar wird die Station wieder eröffnet. Weil Emma so vielen Kindern wie möglich helfen will, gönnt er sich keine langen Pausen. Am 20. November ist er aus Burkina Faso zurückgekommen, heute (Mittwoch) fliegt er schon wieder zum nächsten Einsatz - diesmal für zwei Wochen in den Kongo. Guinea-Bissau: Schon im März soll es dort losgehen Im Oktober hatte Dr. Theophylaktos Emmanouilidis zum ersten Mal das westafrikanische Land Guinea-Bissau bereist – um vor Ort zu prüfen, inwieweit er und das Hammer Forum sich dort engagieren können (die NW berichtete). „Dr. Emma" möchte in der einstigen portugiesischen Kolonie eine Ambulanz im Krankenhaus der 40.000-Einwohner-Stadt Gabú aufbauen. Am Montagabend hat der Vorstand des Hammer Forums nun ganz offiziell den Entschluss gefasst, diese Pläne auch in die Tat umzusetzen. Emmanouilidis möchte nicht lange fackeln: Bereits in der zweiten Märzhälfte wird er für zwei Wochen nach Guinea-Bissau fliegen – diesmal, um aktiv zu werden. „In der ersten Woche wird es um Infrastruktur und Administration im Krankenhaus gehen, in der zweiten Woche möchte ich unterrichten, Vorträge halten – und natürlich operieren", sagt Dr. Emma.

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