Bünder Ansicht: Das ehemalige Haus Feldmann am linken Bildrand steht noch heute - in den 1920er Jahren aufgestockt - an der Eschstraße Nr. 53, die am rechten Bildrand in Richtung Brunnen verschwindet. Hinter dem Fuhrwerk beginnt, an der Ecke zum Nordring, die Lübbecker Straße. Auf dem dazwischenliegenden, trapezförmigen Grundstück ist das Haus der Familie Spanier zu erkennen. - © Archiv: Jörg Militzer
Bünder Ansicht: Das ehemalige Haus Feldmann am linken Bildrand steht noch heute - in den 1920er Jahren aufgestockt - an der Eschstraße Nr. 53, die am rechten Bildrand in Richtung Brunnen verschwindet. Hinter dem Fuhrwerk beginnt, an der Ecke zum Nordring, die Lübbecker Straße. Auf dem dazwischenliegenden, trapezförmigen Grundstück ist das Haus der Familie Spanier zu erkennen. | © Archiv: Jörg Militzer

Bünde/Berlin Spurensuche: Bünderin auf Europas größtem jüdischen Friedhof beerdigt

Grab von Paula Spanier gefunden

Jörg Militzer

Bünde/Berlin. Während wir im ersten Teil unserer zweiteiligen Suche nach Spuren ehemals jüdischer Mitbürger der Elsestadt die Grabstelle Salomon Blumenaus in Hannover mit etwas Glück schnell ausfindig machen konnten, gestaltete sich die Suche nach der letzten Ruhestätte einer Tochter der Familie Spanier fast noch einfacher. Angestoßen wurden die Nachforschungen von der Frage ihrer Enkeltochter Sherry Halstead, die vor zwei Jahren rund um den 9. November in Bünde weilte, nach dem Verbleib der Großmutter erkundigte. Der Zufall half weiter. Eine Spurensuche in der Vergangenheit: Es ist nicht genau bekannt, warum der damals 24-jährige Moritz - in Herford geborener Sohn des jüdischen Schlachters Meyer Spanier - im Jahre 1876 ausgerechnet das Grundstück an der Eschstraße 68 (später Nr. 55) von der Witwe Ottilie (des zwei Jahre zuvor verstorbenen Zigarrenfabrikanten August) Steinmeister erworben hat. Das Areal, das einst der Familie Höpker gehörte, wechselte zum 1. Januar 1877 für 6.600 Mark den Besitzer, wobei die Witwe Steinmeister eine jährliche Ratenzahlung in Höhe von 297 Mark mit dem angehenden Gaststättenbesitzer vereinbarte. Es scheint jedoch naheliegend, dass die räumliche Nähe zur Familie seiner Braut auf der gegenüberliegenden Seite der Lübbecker Straße den Ausschlag gegeben haben dürfte. Nachdem Moritz im November 1877 die nahezu gleichaltrige Emilie Weiß geheiratet hatte, ließ der Kindersegen nicht lange auf sich warten. So kam knapp ein Jahr später die älteste Tochter Martha zur Welt und in den folgenden fast zehn Jahren noch sieben weitere Geschwister - darunter Paula. In der Bünder Geschichte sind zweifelsohne die Söhne Willy und Otto noch am ehesten bekannt. Jedoch genießen beide eine eher traurige Bekanntheit. Otto, weil er mit Frau und Kind im Konzentrationslager Stutthof ermordet wurde und der ältere Willy, weil er zwar das Lager Theresienstadt überlebte, aber nachweislich an den Folgen der dort unmenschlichen Behandlung im Jahre 1952 starb. Paula kam als fünftes der acht Kinder am 18. Oktober 1886 in Bünde zur Welt. Nach einer nicht näher dokumentierten Kindheit wird erst mit dem Eintritt ins Eheleben ein weiteres Kapitel in ihrer persönlichen Lebensgeschichte aufgeschlagen. Mitten im Ersten Weltkrieg heiratet Paula 1916 den gut drei Jahre jüngeren, aus Pommern stammenden Hans Wedell. Wobei das Glück der beiden durch die Geburt des gemeinsamen Sohnes am 5. August 1917 komplettiert, nicht von langer Dauer sein sollte. Die Ehe wird in Hannover, Lebensmittelpunkt der Familie und Geburtsort von Sohn Gustav Heinz Adolf, geschieden und sowohl der kleine Heinz (am 17. März 1924), als auch Mutter Paula (am 1. April 1924) ziehen zu den Verwandten an den Bünder "Moritz-Platz", wie Spaniers Grundstück im Volksmund in Erinnerung an das 1914 verstorbene Familienoberhaupt auch genannt wird. Ob die folgenden Jahre in der Zeit vor dem Nationalsozialismus und dem staatlich verordneten Antisemitismus als unbeschwert angesehen werden können, ließ sich leider nicht ermitteln. Auffällig ist jedoch das Datum des erneuten Umzuges von Mutter und Sohn, denn Paula zieht am 1. Mai 1933 nach Berlin, gefolgt von Heinz am 7. Juni. Ob dies bereits unter den Eindrücken der Verhältnisse unter dem NS-Regime geschieht, ist ebenfalls unklar. Aber ein Umzug in eine anonymere Großstadt war für viele jüdische Mitbürger ein Fluchtversuch, so vielleicht auch für Paula Spanier. Vielleicht hatte sie aber zuvor auch schon Jakob Jakubowitz kennengelernt. Dem Namen nach ein aus dem Osten stammender Jude, mit dem Paula erneut den sogenannten "Pakt fürs Leben" schließt. Eine Bezeichnung für die Ehe, die im Hinblick auf das weitere Schicksal wie Hohn wirken mag. Denn obwohl der Sohn 1937 noch in die USA auswandern kann, werden Paulas Lebensbedingungen wohl immer bedrückender. So finden sich ihre letzten Spuren in einem Mehrfamilienhaus an der Dahlmannstraße 11 in Berlin-Charlottenburg. Der Deportation hatte sich Paula Jakubowitz, geborene Spanier, schlussendlich selbst entzogen. Wie viele andere jüdische Menschen in diesen Tagen sah sie keinen anderen Ausweg, als ihrem Leben selbst ein Ende zu setzen. Am 29. Mai 1942 starb sie an einer Vergiftung. Soweit war das Wissen um die eigene Großmutter auch bei Sherry Halstead. Doch auch sie war unsicher, ob - wie nach jüdischer Tradition normal - die Grabstelle noch existierte. Die Nachforschungen endeten auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee: Unter der Bestattung mit der Nummer 108.623 findet sich der Name Paula Spanier. Dem Besuch Sherry Halsteads am Grab der Großmutter stand nichts mehr im Wege - so konnte die Enkeltochter das abschließende Kapitel in der Biografie der Oma ergänzen, nicht ohne - nach jüdischer Tradition - einen Stein aus der ehemaligen Heimat (vom heutigen Goetheplatz) auf die letzte Ruhestätte der gebürtigen Bünderin zu platzieren.

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