Bünde Sebastian Pufpaff: Zielsicher inkorrekt

Der Kabarettist spielte sein Programm "Auf Anfang" im Stadtgarten. Der Liebling aller Schwiegermütter hat es faustdick hinter den Ohren

Nicolas Bröggelwirth

Bünde. Jede Äußerlichkeit spiegelt seinen Charakter. Gut gekämmt, glatt rasiert, ein perfekt sitzender Anzug umschmeichelt seinen sportlichen Körper. Seriös und politisch korrekt für jeden Geschmack erscheint er von Kopf bis Fuß. Es sind die weißen Turnschuhe allein, die seinen wahren Charakter ausdrücken. Auf diese Widersprüchlichkeit hat die deutsche Comedy-Szene gewartet. Und was Dieter Nuhr als Form einst erdachte, führt Sebastian Pufpaff zur Perfektion. Er selbst bezeichnet sich hingegen als Kabarettist, geht aber weder den einen noch den anderen Weg konsequent zu Ende. "Dies ist kein klassischer Kabarett-Abend, das ist mehr so eine Art Stuhlkreis." Für diesen ist er auch zu reflektiert, für jenen einfach nicht ernsthaft genug. Die Bühnenfigur Pufpaff wehrt sich mit Händen und Füßen dagegen, in eine Schublade gepresst zu werden. Was ihm das ganz große Publikum noch verwehren mag, lieben seine Anhänger umso mehr. Etwa 700 Gäste jeden Alters kamen am Freitag in den Stadtgarten zu seinem Programm. "Die meisten Abende sind Arbeit. Und dann gibt es Bünde." Dank seines Charmes hat der 40-Jährige sein Publikum stets im Griff. Ihm verzeiht man alles, traut ihm alles zu, versteht ihn mal als Clown, mal als weisen Mann. Man kann ihm inhaltlich sehr weit folgen, wo bei er jedem die Möglichkeit lässt, selbst zu entscheiden, wann man damit aufhört. Aber sicherlich muss an irgendeinem Punkt jeder damit aufhören. Seine Übertreibungen sind bemerkenswert kreativ und originell. Warum denn nicht mit dem Auto zum Briefkasten fahren? "Wenn die Polkappen schmelzen, haben die in Afrika was zu Trinken. Jeder kann was tun." Bereits früh in seiner Karriere erhielt der geborene Troisdorfer einige Auszeichnungen und ist heute Träger des "Prix Pantheon" und "Tegtmeiers Erben". Pufpaff ist oberflächlich satt. "Selbst der Obdachlose bei uns hat ein Haus. Und wenn er bettelt, hat er nicht mal einen Pappbecher, sondern eine ökologisch korrekte Tasse. Alles ist gut." Nichts ist gut. Denn wenn alles gut ist, gibt es ein Problem. "Ich bin Deutscher. Ich brauche die Krise." Eine Schuldfrage kommt bei ihm dabei niemals auf. Während seine eigenen Fehler anbiedernd weggelacht werden, gehen sein Zorn und Ekel gegenüber anderen viel tiefer. Seine ewig moralische Korrektheit führt am Ende zielsicher in seelische Abgründe. Kann er auch Sexismus, Rassismus, Egoismus oder Arroganz bei anderen nicht ausstehen, zelebriert er seine eigenen Unzulänglichkeiten, was ihn witzig und interessant macht. Seinem Publikum gibt er Freiraum. Es soll meist selbst seine eigene Grenze zum Absurden finden. "Wenn Sie sich aufregen möchten, schalten Sie die Nachrichten ein." Ob Trump, von dem er nicht weiß, ob er zum Tierarzt oder zum Friseur geht, oder Erdogan, der "Hitler aus dem Orient" - die Feindbilder wechseln ihm zu schnell. "Wir rennen nur noch hin und her, den Säuen hinterher. Ich komme gar nicht mehr zum Lynchen." Dabei hat er einen ganz einfachen Weg erdacht, auch den eigenen Hass zu bekämpfen. Er wünscht sich, dass sich alle mal "nullen" könnten, "zurück auf Werkseinstellung", um jeden Tag mit neuen Ansichten zu beginnen, um die Dinge und ihr Wesen ohne Vorurteile und ohne Vorurteile als das zu erkennen, was sie wirklich sind. Die Komik liegt natürlich im Scheitern, in der Utopie eine wehmütige Träne und im tragischen Drahtseilakt dazwischen der Humor. Die Themen des Wahl-Bonners sind so banal und alltäglich, dass ihm jeder folgen kann. Und dennoch kann der studierte Politikwissenschaftler nie aus seiner Haut. Stets gibt es noch einen größeren Zusammenhang, den es zu betrachten gilt. Er ist Politiker, Psychologe, Philosoph und natürlich Komiker. Sicherlich einer der gerissensten.

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