"Merkel ist ja nicht die CDU, die ist irgendetwas anderes"

Interview: Kabarettist Sebastian Pufpaff kommt am 25. November mit seinem Programm "Auf Anfang" in den Stadtgarten. Der NW hat er erzählt, wie er die Politik im Land sieht und auch wie unkorrekt man auf der Bühne sein darf

Sebastian, Du bist jetzt 40 Jahre alt. Macht Dich das Älterwerden weiser und gelassener? SEBASTIAN Pufpaff: Das Gegenteil ist der Fall. Ich werde anstrengender. Ich habe Angst, zu dem Typen zu werden, der irgendwann neben dem Altglascontainer steht und meckert: "Der Schraubverschluss gehört da aber nicht rein." Dann habe ich ja noch die zwei Kinder, die bei mir im Haushalt leben, was mit Gelassenheit nichts zu tun hat. Ich höre immer noch gerne HipHop und sehe mir mit meiner Frau durchgeknallte Filme an. Darüber hinaus sagt man auch immer, ältere Menschen bräuchten weniger Schlaf. Das kann ich absolut nicht bestätigen. Die Sommerpause ist vorbei. Man spürt, dass der Wahlkampf begonnen hat. Deine Magister-Arbeit trug den Titel "Der moderne Politiker - Inszenierung in der Demokratie." Wird das immer schlimmer? PUFPAFF: Es wäre cool, wenn es immer schlimmer würde, dann würde es wenigstens provozieren. Als Kabarettist bin ich echt gefrustet. Früher konnte man auch als solcher noch zu einer Partei stehen. Heute kann ich eigentlich nur zur APO aufrufen. Die AfD zerpflückt sich selbst, und der Rest des Wahlkampfes ist völlig entrückt vom Volk. Es wird auch immer personalisierter. Wenn ich auf der Bühne gegen eine Person wettere, sagt man, die Person sei ja nicht die Partei. Und wenn ich etwas gegen die Partei sage, ist es umgekehrt. Merkel ist ja nicht die CDU, die ist irgendetwas anderes. Und Sigmar Gabriel ist mittlerweile so eine Art Buddha. Aus der Teflon-Merkel ist eine Teflon-Politikerin geworden. Ich fühle mich wie auf dem Fischmarkt beim Aalkauf und weiß gar nicht, wo ich satirisch gesehen hingreifen soll. Ist es für Politiker durch Facebook und Twitter leichter oder schwieriger geworden, sich zu inszenieren? Pufpaff: Schwieriger. Man sollte sein Werkzeug kennen, wenn man damit umgehen möchte. Falls man mal wieder nicht nachgedacht und getwittert hat, ist es ganz schön schwer, mit einer Stammtischparole im Shit-Storm zu bestehen. Da kann man sich ganz schnell in die Nesseln setzen und sich ins Aus schießen. Ich nenne das gerne "Meinungs-Ejakulat." Jeder Stammtisch hat einfache Lösungen oder Erklärungen für die Inszenierung von Erdogan in der Türkei. Welche hast Du als Kabarettist? Pufpaff: Lösungen habe ich schon mal keine, und mit Erklärungen muss man vorsichtig sein. Die Sicht der Dinge muss man schärfen. Ich habe auch mit deutschen Freunden gesprochen, die Verwandte und Bekannte in Istanbul haben. Die sagten zu mir, ich solle einfach dahin fahren, mich in ein Café setzen, mit den Leuten vor Ort sprechen, um eine direktere Perspektive zu haben und das Wort Zensur nicht in den Mund nehmen zu müssen. Ich habe auch Gesprächspartner in Amerika, die mir sagen, dass unsere deutsche Sichtweise auf den Wahlkampf von Donald Trump völlig verzerrt sei. Die Wahrnehmung in anderen Ländern ist immer eine andere, und Kabarett ist auch immer gefiltert. Doch sollte man wie Gabriel eine klare verurteilende Position zur Todesstrafe in der Türkei haben, dann muss man am Ende auch konsequent sein. Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir nur noch herumeiern. Ich habe für mich beschlossen, ich habe eine Meinung. Das heißt nicht, dass ich die Weisheit mit Löffeln gefressen habe. Aber es ist wichtig, eine klare Stellung zu beziehen. Wenn ich mit einem Freund über den richtigen Kinderwagen diskutiere, kann ich am Ende auch gerne sagen: "Du hast Recht. Da hatte ich Unrecht." Man muss falsifizierbar sein. Ein Streit ist für mich positiv belegt. Ich propagiere Uneinigkeit und Streit. Man muss danach ja nicht jedem die Freundschaft bei Facebook kündigen. Man kann abends ein Bier miteinander trinken, und dann ist gut. Aber ich brauche zunächst eine Meinung, die ich konsequent vertrete. Und? Schaffen wir das? Pufpaff: Merkels "Wir schaffen das" ist nichts anderes als Obamas "Yes we can." Es wundert mich, dass die Presse dieses größte Plagiat immer noch nicht entlarvt hat. Wenn ich ohne Sauerstoffgerät auf den Mount Everest steige und auf halber Strecke sterbe, habe ich es dann geschafft? Nein, dann hatte ich die falschen Voraussetzungen. Wenn es darum geht, ob wir jedes Jahr eine Millionen Flüchtlinge aufnehmen können, dann nein. Das können wir nicht schaffen. Wenn es aber darum geht, eine geordnete Flüchtlingspolitik für ein Land, welches Zuwanderung braucht, zu entwickeln, dann sage ich ja. Und wir brauchen Zuwanderung. Allein für das Rentensystem werden wir bald allein keine Manpower mehr haben. So wie es jetzt läuft, kann es aber nicht funktionieren. Wer ist alles hier? Was möchte der? Wo genau ist er überhaupt? Das sind Fragen, die wir uns zu häufig stellen müssen, weil wir keine geordneten Strukturen haben. So funktioniert keine sinnvolle Zuwanderung. Aber das könnten wir schaffen, da bin ich sicher. Wie inkorrekt darf man auf der Bühne werden, oder gibt es dafür keine Grenzen? Pufpaff: Reine Provokation ohne Aussage lasse ich nicht gelten. Frei nach Tucholsky: Satire darf alles, wenn es einen Zweck hat. Nehmen wir den Fall Jan Böhmermann, und ich bin ein Fan von ihm. Wäre er auf die Bühne gegangen und hätte nur "Ziegenfic..." gesagt, dann ist das keine Satire. Du hast nichts verändert. Aber wenige Wochen später sollte deswegen der Paragraph 103 gekippt werden. Und so wurde aus der Provokation Satire, weil es etwas bewegt hat. Am 25. November kommst Du nach Bünde. Welche Meinung hast Du als Rheinländer von Ostwestfalen und seinen Menschen, Deinem Publikum? Pufpaff: Der Rheinländer ist ja der Amerikaner Deutschlands. Der kommt in die Veranstaltung und flippt aus, auch wenn Du noch nicht einen Witz gemacht hast. Da weißt Du nicht einmal, ob Du wirklich gut bist. Aber mal ernsthaft: Ich habe bisher nur gute Erfahrungen gemacht. Was wäre, wenn Du einen völlig fiktiven Wunsch frei hättest? Pufpaff: Abgesehen vom Weltfrieden und so was? Ich würde gerne mal in einem Kinofilm mitspielen, in dem ich meine komische körperliche Seite ausleben kann. Slapstick. Oh, nein, warte. Ich weiß noch etwas Besseres. Ich würde gerne ein Praktikum bei "Monty Python" machen. Das Gespräch führte Nicolas Bröggelwirth

realisiert durch evolver group