Autos statt Fußgänger: So sieht es vor dem Universum in der Hauptstraße heute aus. - © Foto: Björn Kenter
Autos statt Fußgänger: So sieht es vor dem Universum in der Hauptstraße heute aus. | © Foto: Björn Kenter

Bünde Auflösung des Mittwochrätsels: Aus Wittekind wurde Universum

Ennigloh erhielt nach der Eigenständigkeit auch ein eigenes Kino. Viele Leser haben persönliche Erinnerungen

Jörg Militzer

Bünde. Nachdem sich bekanntlich der wohlhabende Innenstadtbereich im Jahre 1903 aus dem Amtsverband in die "Unabhängigkeit" verabschiedet hatte, wurde aus der Gemeinde Ennigloh der nachfolgende Amtssitz. Neben dem eigenen Verwaltungsgebäude entstanden in Folge in den amtsangehörigen Gemeinden und heutigen Stadtteilen eine Reihe von "öffentlichen" Einrichtungen wie etwa Sportstätten oder auch eine Amts-Sparkasse. Doch auch an die Freizeitgestaltung wurde gedacht, in einem besonderen Fall allerdings auf private Initiative des Schlossers Lindewirth. Er ließ seine alte Werkstatt an der Hauptstraße abtragen und zog mit dem Betrieb an die Neue Straße um. Das freigewordene Areal wurde Standort des Ennigloher Kinos. Am 7. November 1924 schlich dann der Mann mit den tausend Gesichtern, Stummfilmikone Lon Chaney, erstmals über eine Ennigloher Leinwand. Als "Glöckner von Notre Dame" verzauberte er die Amtsbewohner vor ausverkauftem Haus. Eine Tradition die - mit einer mehrjährigen Unterbrechung - vom damaligen Wittekind-Kino, über die UT-Lichtspiele bis zum heutigen Universum anhalten sollte. Karin Hendrichs schreibt: Der heutige Blick des Fotografen führt über die Hauptstraße zum Bahnübergang in Richtung Bahnhofstraße. Der Verlauf der Bahnschienen war nach dem 1. Juni 1902 weitestgehend identisch mit der Grenze der zu diesem Zeitpunkt selbstständig werdenden "Vollstadt" Bünde und dem Amt Ennigloh. Rechts im Bild zu sehen ist die "Neue Apotheke", ein ehemals wunderschönes Haus mit einem - leider im Foto nicht zu sehendem - Turmanbau, das im Jahre 1920 vom Apotheker Walter Bertelsmann erbaut wurde. Später führte die Familie Hellwig die Apotheke. In der Bildmitte ist das "Universum" zu sehen. 1924 erbaut als Lichtspielhaus "Wittekind", wechselte das Kino später seinen Namen. Nach jahrelangem Leerstand wurde das Gebäude nach umfassender Sanierung gerettet und ist heute eine Kleinkunstbühne mit regem Zulauf. Linker Nachbar des Universum war das auffällige Fachwerkhaus im Schweizer-Stil der Familie Schulze, die daran anschließend einen Holzhandel betrieb. Am 28. Juli 1992 begann der Abriss dieses besonderen Hauses, das eines der ältesten Häuser Enniglohs war. Mit Genehmigung vom Juli 1868 errichtete auf dem Grundstück Nr. 7 der Zimmermann Ernst Schulze seinen Zimmereibetrieb mit angrenzendem Wohnhaus. Zwanzig Jahre später wurde alles ein Raub der Flammen. Rasch erfolgte der Wiederaufbau. Bis zum Abriss erlebten Haus und Grundstück eine wechselvolle und unrühmlich endende Geschichte. Günter Wieske schreibt: Die linke Seite (zu den Bahnschranken führend) war viele Jahre mein täglicher Schulweg, von der Bahnhofstraße kommend, über die Bahnschienen (bei geschlossenen Schranken die Unterführung!) und führte mich dann zu "meiner" Bahnhofschule Ennigloh II. Da wurde ich 1950 eingeschult. Obwohl es mit vielen schönen Erinnerungen verbunden ist, hat sich ein Erlebnis bei mir besonders eingeprägt. Als es nach dem ersten Halbjahr die ersten Zeugnisse gab, war ich mächtig stolz. So stolz, dass ich dies auf dem Nachhauseweg jedermann kundtun musste, ob er es hören wollte oder auch nicht, das ich einen "Guten Anfang" hatte. Ich hüpfte also die Hauptstraße runter und rief immer ganz laut: "Guter Anfang, Guter Anfang" und schwenkte dabei ganz stolz das Zeugnis in die Höhe. (Was mir noch immer etwas peinlich ist!) Manfred Heiland schreibt: Das Foto zeigt ein Ennigloher Motiv aus längst vergangenen Zeiten. Man sieht die Hauptstraße abwärts in Richtung Bünde. Die Straße ging runter bis zum Bahnhof, wo die Grenze zwischen Ennigloh und Bünde lag. Am Bildrand des Fotos stehend, befände man sich etwa am heutigen Kreisel. Dahinter, nicht im Bild, befand sich die Sparkasse aus dem Jahr 1911. Rechts zu erkennen die "Neue Apotheke" der Hellwig aus dem Jahr 1902. Rechts abbiegend liegt die Hochstraße, an der der Kinderarzt Dr. Nottelmann praktizierte. Viele Wartestunden haben wir dort verbracht. Die verschrieben Medikamente wurden dann stets in der "Neuen Apotheke" besorgt. Rechts in der Mitte sieht man das Universum Kino aus dem Jahr 1924. Nach dem Krieg habe ich als junger Bursche viele Filme dort geschaut, allen voran die Westernfilme. Heute ist das Universum eine tolle Kleinkunstbühne und lockt viele prominente Komiker in die Elsestadt. Am Ende der Strasse, vor den Bahnschranken, lag die Holzhandlung Schulz. Gegenüber der Lindenhof von Dora Meyer, der heute eine stadtbekannte Pizzeria beheimatet. Auch Getränke Diekmann und der Heilpraktiker Thalenhorst waren an der Hauptstrasse ansässig. Heute ist dieses Stadtviertel leider kein wirtschaftlich starkes Gebiet, denn durch die Untertunnelung der Bahn ist die Strasse etwas angeschnitten worden.

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