Blick auf Patienten ist häufiger möglich: Die Dermatologen Beate und Marcus Nippesen besuchen ihre Patienten hier virtuell. - © Gerald Dunkel
Blick auf Patienten ist häufiger möglich: Die Dermatologen Beate und Marcus Nippesen besuchen ihre Patienten hier virtuell. | © Gerald Dunkel

Bünde Arztvisite via Internet

Die Erfindung des Bünder Ärztenetzes MuM - Medizin und Mehr ist den Kinderschuhen entwachsen und wird in der Praxis angewandt. Ein System, das bald deutschlandweit Nutzen finden könnte

Gerald Dunkel

Bünde. Wie schafft man es als niedergelassener Arzt auf der einen Seite Zeit zu sparen und gleichzeitig häufiger bei seinen Patienten zu sein? Vor dieser Frage stand vor einigen Jahren der Bünder Chirurg Hans-Jürgen Beckmann. Hintergrund dieser Fragestellung war vorrangig die Betreuung von Patienten in Pflegeheimen, die von den niedergelassenen Medizinern regelmäßig besucht werden. Manche Symptome stellen die Pflegekräfte aber auch vor Fragen, für die sie vorsichtshalber einen Arzt zu Rate ziehen - verständlicherweise, das wissen auch die Mediziner selbst. Die sitzen aber unter Umständen für einen vermeintlichen Notfall hin und zurück bis zu einer Stunde im Auto, um vor Ort festzustellen, dass alles halb so schlimm ist und der persönliche Besuch des Arztes durchaus bis zur regulären Visite am nächsten oder übernächsten Tag Zeit gehabt hätte. Um zu diesem Schluss zu gelangen, hätte in vielen Fällen ein kurzer Blick auf die entsprechende Stelle oder ein paar Worte mit dem Patienten oder einer Pflegekraft genügt. Beides soll die elektronische Visite am Bildschirm liefern, deren Erprobungsphase nun abgeschlossen ist. Eines schicken die Mediziner, die zum Ärztenetz MuM - Medizin und Mehr gehören und die elektronische Visite (ElVi) nutzen, gleich vorweg: "Diese virtuelle Zusammenkunft mit den Patienten wird niemals einen realen Besuch in der Praxis oder einen Hausbesuch ersetzen." Zudem soll ElVi nur bei Patienten zum Einsatz kommen, die dem jeweiligen Mediziner persönlich bekannt sind. Zehn Pflegeheime im Bünder Land und Hiddenhausen betreuen die Hautärzte Beate und Marcus Nippesen. Sechs Patienten betreuen sie derzeit im Seniorenheim "Haus am Wiehen" in Rödinghausen. "Die elektronische Visite erspart uns hier nicht nur Zeit und Wege", sagt Beate Nippesen. "Sie ermöglicht uns, unsere Patienten sogar noch häufiger zu sehen, als wir es sonst könnten", erklärt die Medizinerin. Zusammen mit ihrem Mann sitzt sie vorm Bildschirm in der Praxis und bekommt vom Pflegeteam in Rödinghausen Patient für Patient vorgestellt. "Gerade wenn es um die Verlaufskontrolle in einer Therapie geht, oder um die Nachkontrolle nach einer Operation, genügt in den meisten Fällen ein Blick auf die entsprechenden Stellen. Manchmal genügt auch ein Handyfoto aus der Akutphase einer Erkrankung", so die Dermatologin. In der elektronischen Konferenz laden die Pflegekräfte aus Rödinghausen verschiedene Bilder in die Unterhaltung, die sie zuvor gemacht haben, oder kommen mit der Videokamera direkt zum Patienten. "Oft reichen die Bilder, die wir auf dem Bildschirm sehen, schon, um zu erkennen, wie weit die Genesung ist. Auch viele Erkrankungen lassen sich so schon erkennen", sagt Marcus Nippesen. Parallel zum Gespräch schreiben die beiden Hautärzte ein digitales Protokoll zum jeweiligen Patienten. Einzig Rezepte können über das ElVi-System noch nicht verschickt werden. Der Vorteil des Systems liegt auf der Arzt- wie auch auf der Patientenseite. Dem Behandler spart es Zeit und Wege und dem überwiegend älteren Patienten einen zum Teil belastenden Transport zur Praxis in Begleitung einer Pflegekraft, die für die Zeit ebenfalls blockiert ist. In den Pflegeheimen können die Videokonferenzen zudem aufgezeichnet und bei einer Dienstübergabe vorgeführt werden. Auch sogenannte "Fallkonferenzen" mit mehreren Fachärzten sind möglich. Die Sorge um Datensicherheit kann Marcus Nippesen zerstreuten. "Das ist kein normaler Chat wie beispielsweise über Skype. Hierbei handelt es sich um ein geschlossenes System in einem geschützten Datenraum. Das ist so sicher, wie es derzeit überhaupt sein kann."

realisiert durch evolver group