Erst nach Monaten gefunden: Ermittler auf einem Polizeiboot verfolgen die Bergung des Audis, den Mordopfer Karsten Gieseking fuhr, aus der Weser. - © Thomas Grundmann
Erst nach Monaten gefunden: Ermittler auf einem Polizeiboot verfolgen die Bergung des Audis, den Mordopfer Karsten Gieseking fuhr, aus der Weser. | © Thomas Grundmann

Bünde/Petershagen Zweifel an Mordurteil gegen Bünder: Sitzt der Falsche in Haft?

Strafverteidiger verweist auf neue Erkenntnisse in dem Mordfall Gieseking. Er will eine Wiederaufnahme des Verfahrens erreichen. Seit elf Jahren sitzt ein Bünder für die Tat im Gefängnis

Jobst Lüdeking

Bünde/Petershagen. Bisher schien in dem fast elf Jahre zurückliegenden Mordfall Karsten Gieseking alles eindeutig: Die Leiche des mit Kopfschüssen getöteten 28-Jährigen war im August 2005 im Weserseitenkanal bei Petershagen gefunden worden. Schnell stellt sich heraus, dass er Mitglied einer Einbrecherbande war. Einer seiner Komplizen - ein Mann aus Bünde - hatte ihn erschossen, erst die Leiche und dann den Audi A 4 des Opfers versenkt. Dafür war der heute 49-Jährige 2009 zu lebenslänglicher Haft, samt Feststellung der besonderen Schwere der Schuld, verurteilt worden. Neue Erkenntnisse und Aussagen lassen Dirk Baumann, den Herforder Strafverteidiger des Bünders, an dem Urteil zweifeln. Mit einem 250 Seiten umfassenden Antrag samt Zeugenaussagen hat er die Wiederaufnahme des Mordverfahrens beantragt. "Ich halte meinen Mandanten mit einer hohen Wahrscheinlichkeit nicht für den Täter", so Baumann, der einige wichtige Punkte skizziert. So habe das Gericht während des Mordprozesses erklärt, dass die Bande aus vier Personen bestand. "Zwei hatten nachweislich Alibis, also müsse mein Mandant der Täter sein, da Gieseking nur mit ihm zum Einbruch aufgebrochen sein könne", so der Herforder Strafverteidiger. Auf Grund von neuen Zeugenaussage gebe es nun Erkenntnisse, nach denen Gieseking nicht allein mit den drei bekannten Mittätern, sondern mit weiteren Personen Einbrüche begangen habe. Die Mordanklage, so Baumann weiter, beruhte im Wesentlichen auf den Angaben eines Mitgefangen. Der hatte berichtet, B. habe ihm gegenüber die Tat bestanden. "Das Gericht ging trotz der Widersprüche in der Aussage davon aus, dass dieser Zeuge glaubwürdig ist", erklärt der Strafverteidiger. Eine weitere Spur führt in die Rockerszene: So gebe es in einigen Clubs Abzeichen für Mitglieder, die gemordet haben oder bei einem Mord dabei waren, erklärt Baumann. "Die werden im Ausland verliehen." Nach einer ihm bekannten Zeugenaussage sei eine solche "Auszeichnung" an ein Mitglied der Hells Angeles gegangen, dessen Tatschilderung auffällige Parallelen zum Vorgehen des Täters im Mordfall Gieseking aufweist. Das könnte bedeuten, dass B. unschuldig für einen Mord sitzt, den ein andere begangen hat. Eine Entscheidung über den Antrag des Rechtsanwalts liegt noch nicht vor.

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