Fast am Ende: Wer schon Psychopharmaka einnehmen muss, um im Job zu bestehen, hat schon viele Grenzen überschritten und brauchte schon lange vorher dringend Hilfe. - © Gerald Dunkel
Fast am Ende: Wer schon Psychopharmaka einnehmen muss, um im Job zu bestehen, hat schon viele Grenzen überschritten und brauchte schon lange vorher dringend Hilfe. | © Gerald Dunkel

Bünde/Kirchlengern Welche Auswege es aus dem (Arbeits)Stress gibt

Arbeiten bis der Arzt kommt, das ist für viele Menschen in der anforderungsreichen Zeit von heute Realität. Jessica Bäumer, Heilpraktikerin für Psychotherapie, kennt sich mit diesen Problemen aus und weiß Auswege

Stefan Boes

Bünde/Kirchlengern. Die ersten Wochen des Jahres sind um. Ein guter Zeitpunkt, um die vor Jahresfrist getroffenen Vorsätze über Bord zu werfen. Falls es bei Jahresende überhaupt dazu gekommen ist, sich einmal zu fragen: Wo stehe ich? Wo will ich hin? Wo will ich weg? Was fehlt mir? Jessica Bäumer kennt sich mit solchen Fragen aus. Menschen, die sich im Alltag, im Beruf, in Beziehungen so aufgerieben haben, dass es nicht mehr weitergeht, sind ihr Tagesgeschäft. Die Heilpraktikerin für Psychotherapie begegnet ihren Klienten dabei nicht mit der kühlen Distanz eines Arztes, sondern mit Empathie. Sie will verstehen, warum das Fass zum Überlaufen gekommen ist, sagt sie. Und erläutert: "Das ist ein schleichender Prozess. Irgendwo hat es dann einen Gipfel erreicht." Jeder habe seine eigene Belastungsgrenze und diese Grenze ändere sich nicht. Auf dem Weg zu dieser Grenze liegen bei Jessica Bäumers Patienten Überarbeitung, Konflikte, Ängste, unverarbeitete Erfahrungen und die vielen inneren und äußeren Zwänge unserer Zeit, denen man bereitwillig folgt. "Die Päckchen, die derjenige mit sich rumschleppt, werden immer größer. Wenn dann Konflikte hinzukommen, in dem berühmten Fass aber kein Platz mehr ist - dann ist Ende." Ende, das heißt, psychische Belastungen mit Krankheitswert, die das tägliche Leben beeinträchtigen: Depressionen, Angstzustände, Schlafstörungen, Zwangsstörungen oder auch negative Denkmuster oder das Durchleben einer Lebenskrise. Jeder Fall ist individuell, sagt die Psychotherapeutin. "Multifaktoriell" seien die Ursachen für die psychische Erschöpfung. "Das kann ein Stück weit vererbt sein, das kann die Umwelt sein, das können der Chef, die Kollegen sein." Jessica Bäumer versteht es, die Belastungen zu erkennen, zu erklären, Lösungen aufzuzeigen. In ihre private Praxis kommen Berufstätige, junge Menschen in Ausbildung, Paare. "Die Menschen reden in der ersten Hälfte des Gesprächs sehr schnell, bringen noch diese Alltagshektik mit. Nach einer halben Stunde, das merkt man richtig, fangen sie an runterzufahren", sagt Bäumer. Die Sitzungen haben eine entschleunigende Wirkung. Hier ist eine Stunde Zeit, einmal nur bei sich zu sein. Bei sich sein - das scheint heute ein Problem, oder vielmehr, ein Luxus zu sein. "Wann haben Sie das letzte Mal etwas nur für sich getan?", fragt Jessica Bäumer ihre Patienten oft. Die Antworten sind nicht selten ernüchternd: Das weiß ich schon gar nicht mehr, heißt es dann. "Wenn die Personen hier hinkommen, sind sie meistens schon krankgeschrieben. Sie haben selber die Notbremse gezogen, weil sie zusammengeklappt sind in diesem Hamsterrad." Sie wollen es oft selbst nicht richtig wahrhaben, sagt Jessica Bäumer. "Die haben einen wahnsinnig hohen Anspruch an sich selbst, sind perfektionistisch, meinen immer, sie müssten 100 Prozent geben, was ja nicht funktioniert." Aber etwas nicht mehr zu schaffen, das bedeute ja eine Niederlage. Was aber treibt die Menschen eigentlich dazu an, sich in ihrem Leben als Selbstperfektionierer so aufzuopfern? Leistung, Effizienz, Nützlichkeit, Wachstum - warum machen wir da mit? "Bei manchen ist es der Druck von oben, die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Ängste spielen eine ganz große Rolle." Die Erschöpfung sei zum einen das Ergebnis von zu viel Arbeit. Die Kehrseite davon ist zu wenig Zeit für seine persönlichen Interessen und Bedürfnisse. "In Paartherapien frage ich: Wie sind denn Ihre Rituale, wenn Sie morgens aufstehen, sagen Sie ,Guten Morgen?, frühstücken Sie zusammen, erzählen Sie doch mal. Und dann sitzen die hier und ihnen fällt nichts ein, wissen manchmal gar nicht, wann sie sich das letzte Mal umarmt haben." Rituale, feste Gewohnheiten sind wichtig, sagt Jessica Bäumer. Nehmen Sie sich diese Zeit, sagt sie. "Wenn andere abends vor dem Fernseher sitzen, setzen Sie sich doch mal gegenüber und fragen: Was war gut, was war schlecht, was wünsche ich mir für morgen, fangen Sie doch mal Ihre Stimmungen auf." Die Antwort, die Jessica Bäumer dann häufig zu hören bekommt: "Und da müssen wir erst hier hingehen, damit wir so etwas Einfaches erfahren?" Ja, oft seien es banale, kleine Dinge, die abhandengekommen sind, deren positive Wirkung aber umso wichtiger wäre. "Immer wieder auf sich selber hören, in sich reingucken, sich fragen: Bin ich so, wie ich sein will? Verhalte ich mich so, wie ich das möchte und wie ich es für sinnvoll halte?" Achtsamkeit sei hier das Stichwort. Ausgleich sei wichtig, egal, wie der aussehe. Doch banal sind die Probleme derer, die in die Praxis kommen, nicht. "Oftmals ist es eine Depression, in der sich die Menschen befinden. Und das ist ein ganz böses Wort, das wollen die nicht hören." Die Therapeutin weiß auch: chronische Erschöpfung, Burnout, Depression oder wie immer man das nennen mag - da geht eine Besserung nicht von heute auf morgen. Der erste Schritt sei, sich einzugestehen, dass man professionelle Hilfe holen sollte, sagt Jessica Bäumer. Eine Distanz muss her. Gedankenstrukturen müssen sich ändern. Entscheidungen getroffen werden. Verhaltensänderungen herbeigeführt werden. Man müsse an sich arbeiten. Ein paar Sitzungen beim Psychotherapeuten und alles ist wieder gut? Das funktioniere nicht, betont Jessica Bäumer. "Veränderungen brauchen Geduld." Und im Zweifelsfall eine gute Psychotherapeutin.

realisiert durch evolver group