Die Kinder im Blick: Jugendamtsleiterin Ingrid Wolff in ihrem Büro. An der Wand hinter ihr hängt ein Bilderrahmen mit Fotos von einigen der von ihr vermittelten Adoptivkinder. In 40 Jahren hat Ingrid Wolff Pflege- und Adoptiv-Eltern für mehr als 90 Kinder gesucht. FOTO: ANNE WEBLER - © Anne Webler
Die Kinder im Blick: Jugendamtsleiterin Ingrid Wolff in ihrem Büro. An der Wand hinter ihr hängt ein Bilderrahmen mit Fotos von einigen der von ihr vermittelten Adoptivkinder. In 40 Jahren hat Ingrid Wolff Pflege- und Adoptiv-Eltern für mehr als 90 Kinder gesucht. FOTO: ANNE WEBLER | © Anne Webler

Bünde "Einige Fälle vergisst man nicht"

INTERVIEW: Jugendamtsleiterin Ingrid (63) Wolff hat morgen ihren letzten Arbeitstag, nach mehr als 40 Jahren geht sie Ende des Monats in den Ruhestand. Besonders die schweren Missbrauchsfälle bleiben ihr in Erinnerung. In den letzten Wochen haben sie die minderjährigen Flüchtlinge sehr beschäftigt

Frau Wolff, blicken Sie in diesen Tagen manchmal zurück auf Ihre 40 Jahre im Beruf?

INGRID WOLFF: Neulich habe ich mal aufgeschrieben, für wie viele Kinder ich Eltern gesucht habe. Ich wollte mein altes Gedächtnis locken. Ich habe Pflegekinder vermittelt und einige Jahre beim Kreis Herford auch Adoptivkinder, habe die Eltern für sie gesucht. Auf meiner Liste bin ich auf über 90 vermittelte Kinder gekommen. Von den Pflegekindern wusste ich nicht mehr alle Namen, aber von den mehr als 40 Adoptivkindern wusste ich noch alle Namen - bis auf drei.

Hatten Sie nach der Adoption noch Kontakt zu den Kindern?

WOLFF: Zu vielen schon. Ich habe den Familien Weihnachtspost geschrieben und war da, wenn sie einen Ratschlag brauchten. Die ersten sind heute über 30 Jahre alt.

Durch die Flüchtlinge hat sich für Sie gegen Ende Ihrer Berufszeit noch einmal ein ganz anderes Aufgabenfeld ergeben.

WOLFF (Zieht die Augenbrauen hoch und nickt.): Ja. Nach dem neuesten Stand und Schlüssel bekommen wir 32 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zugewiesen. Wir wissen aber nicht wann, ob und wie die kommen. Wir müssen Wohnraum für sie besorgen, müssen sie aufnehmen, unterbringen, die Vormundschaft beantragen. Ende September gingen wir von 9 bis 12 Kids aus, die kommen, drei Monate später sind es 32.

Wo bringen Sie die Jugendlichen unter?

WOLFF: Mit der Jugendhilfe Schweicheln haben wir in der Behringstraße eine 10er-Wohngruppe aufgemacht. Inzwischen wohnen dort neun Jungen im Alter von 14 bis 16 Jahren. Sechs kommen aus Afghanistan, zwei aus Somalia, einer aus Syrien. Vergangenen Freitag kam ein 14-Jähriger aus Marokko an, der ist zwei Stunden später abgehauen. Zum 1. Februar wollen wir eine weitere 10er-Wohngruppe in der Behringstraße einrichten.

Merkt man den Jugendlichen an, was sie durchgemacht haben?

WOLFF: Ein Junge aus Afghanistan hat erzählt, dass sein Vater neben ihm auf der Straße erschossen wurde. Er ist nach Hause gerannt, wo die Mutter ihn aufforderte, zu flüchten. Er war zwei Jahre unterwegs und hat von seiner Mutter nie wieder etwas gehört. Mit zwölf ist er los, jetzt ist er 14. Können Sie sich vorstellen, was er mitmacht? Ein Junge im gleichen Alter hat erlebt, dass seine beiden Eltern erschossen wurden.

Bekommen diese Jugendlichen eine Therapie?

WOLFF: Das ist schwierig, weil wir keine Persisch sprechenden Therapeuten haben. Eine Therapie über einen Dolmetscher funktioniert nicht. Die Jugendlichen werden rund um die Uhr betreut, von Erziehern und Sozialarbeitern der Jugendhilfe Schweicheln, das ist ganz wichtig.

Haben Sie Familienangehörige ausfindig gemacht?

WOLFF: Direkte Familienangehörige gibt es nicht, ich weiß nicht, was mit der Mutter des einen Jungen ist. Deshalb suchen wir für beide Jungen eine Pflegefamilie. Die Jugendlichen können drei Monate in der Wohngruppe bleiben, um zur Ruhe zu kommen, damit man sie einschätzen kann. Danach muss eine Dauerlösung her.

Wie läuft es in der Wohngruppe?

WOLFF: Die sind so nett und höflich, das ist toll. Sie kommen ja aus Kulturen, in denen Frauen nicht so ganz viel wert sind. Das ist das erste, was sie hier bei uns lernen: In der Wohngruppe arbeiten Frauen und Männer. Wenn eine Frau sagt, es läuft jetzt hier so und so, dann läuft das auch so.

Gibt es da manchmal Schwierigkeiten?

WOLFF: Nein, überhaupt nicht. Aber sie sind ja auch erst sechs Wochen da, zum Teil acht, manche ganz frisch. Wir müssen gucken, dass sie in die Schule kommen und einen Deutsch-Kurs besuchen. Darum kümmert sich die Jugendhilfe Schweicheln.

Was passiert nach den drei Monaten?

WOLFF: Die Integration nicht nur der Minderjährigen, sondern auch der Familien, die in Bünde bleiben wollen, wird zu Veränderungen in der Stadt führen. Die Flüchtlinge haben sich Bünde ja nicht ausgesucht, sondern werden zugewiesen. Da muss man gucken, wer Bünde als neue Heimat sieht. Die kann man natürlich viel besser integrieren, als wenn jemand sehr ungern hier ist. Die jungen Leute sind alle auf große Städte fokussiert, das kann ich verstehen.

Woher kriegen Sie die Pflegefamilien? Für ein kleines Baby lässt sich sicherlich leicht eine Familie finden. Aber für einen pubertierenden 14-Jährigen?

WOLFF: Ab Schulalter ist es schwierig, eine Pflegefamilie zu finden. Sogar schon für deutsche Kinder. Das traut sich keiner zu, weil sechs Jahre falsche Erziehung schwierig auszubügeln sind. Es gibt natürlich Profi-Familien, wo einer eine Erzieherausbildung hat, die immer ein Pflegekind haben. So etwas suchen wir. Es gibt ja vielleicht Familien, wo die Kinder groß sind, die es sich zur Aufgabe machen wollen, jemanden zu begleiten.

Wer kann Pflegeeltern werden?

WOLFF: Jeder kann sich melden. Das muss natürlich geprüft werden, ist ja klar.

Ist das Jugendamt überarbeitet?

WOLFF: Das kann man so sagen. Und es könnten mehr Jugendliche kommen als 32. Das wird nicht das Ende sein. Schön wäre, wenn man schnell überlebende Familienangehörige finden und sie mit den Jugendlichen zusammenführen würde. Das ist das wichtigste für Kinder. Es gibt natürlich auch Kinder, die sagen: "Bloß nicht wieder zu meiner Familie." Das muss man auch ernst nehmen. Auch wenn wir so einen Fall in Bünde noch nicht hatten. Aus der Wohngruppe haben zwei (nicht die, deren Eltern verstorben sind) Tante und Onkel ermittelt, in Hamburg und London. Da wollen wir sehen, dass das funktioniert mit der Familienzusammenführung. Der Vormund muss die Anträge stellen, dass sie aufgenommen werden. Das beansprucht viel Zeit.

Was ist Ihnen aus den 40 Jahren besonders in Erinnerung geblieben?

WOLFF: Eine junge Familie aus Ex-Jugoslawien, zwei oder drei Kinder, lebte in einer Flüchtlingsunterkunft in Bünde. Meine Kollegin ging zufällig vorbei und sah dieses Baby, das mit drei Monaten weniger wog als bei der Entlassung aus dem Krankenhaus nach der Geburt. Es war fast verhungert. Sie nahm es sofort mit. Der Junge war so ausgetrocknet, dass der Arzt Sorge hatte, ob das Gehirn Schaden genommen hatte. Wenn ich an die Ärmchen denke... Wir haben ihn in einer Pflegefamilie untergebracht.

Mit welchem Gefühl gehen Sie in den Ruhestand: Sind Sie zufrieden, weil Sie viel Gutes bewirkt haben, oder auch unzufrieden, weil man in Ihrem Beruf nie alles gut machen kann?

WOLFF: Das ist eine schwierige Frage. Bei vielen Dingen ist es schwierig, sich zu freuen. Wenn ich einer Familie die Kinder wegnehme und für die Kinder tolle Pflegeeltern gefunden habe, weiß ich nicht, ob man sich freuen kann. Vielleicht wäre es sinnvoller gewesen, wenn wir es geschafft hätten, die Familie zu stabilisieren, dass die Kinder nicht rausgenommen werden.

Was machen Sie als Ausgleich zu dieser kräftezehrenden Arbeit?

WOLFF: Ich stricke wie wild. Wenn Sie ein Teil fertig haben, ist es fertig und Sie können sich freuen. Hier sind die Dinge nie fertig, wenn ich nach Hause gehe. Manchmal kann man sich freuen, wenn wir zum Beispiel ein Gerichtsverfahren gewonnen haben, um Kinder aus einer Familie zu nehmen. Auf der anderen Seite reißt man eine Familie auseinander. Das ist ein ganz ambivalentes Gefühl. Deshalb macht mir das Stricken so einen Spaß.

Was hat Sie geprägt in den 40 Jahren?

WOLFF: Die massiven Einzelschicksale von Kindern, aber auch von Müttern, Kindesmisshandlung oder Missbrauch. Die vergisst man nicht. Was ich gelernt habe: Es gibt nichts, was es nicht gibt. Was man sich nicht vorstellen kann, was Eltern ihren Kindern antun können - das ist möglich.Oft haben die Mütter selbst ganz Schwieriges erlebt. Mütter mit eigener Missbrauchserfahrung können ihre Kinder nicht schützen, das ist heute wissenschaftlich erwiesen. Das kann man sich nicht vorstellen, aber es ist so.

Da ist mir auch ein Fall in Erinnerung geblieben. Ein Familienvater saß wegen Missbrauchs. Er hatte beide Töchter missbraucht und ein fremdes Mädchen. Bei dem fremden Mädchen war er erwischt worden und deshalb ein paar Jahre im Gefängnis. Gegen Ende durfte er über das Wochenende nach Hause. Was sie denken würde, was passieren würde?, fragte ich die Frau. "Na ja, besser, als wenn er wieder was Fremdes nimmt", sagte sie. Wenn ich irgendetwas Verrücktes im Fernsehen sehe, schockt mich das gar nicht.

Gibt es auch Erfolgsgeschichten von Kindern, denen es heute gut geht?

WOLFF: Ja. Eins meiner ältesten Pflegekinder, er müsste jetzt Anfang 30 sein, war 5 Jahre alt und lebte im Kinderheim, bevor er zu den Pflegeeltern kam. Er hat Abitur gemacht und studiert, ist fertig mit dem Studium.

Das Gespräch führte Anne Webler

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