Der Motor und sein Schmieröl: Ümmühan Özgen und Hans-Jürgen Engel sehen sich das Ergebnis ihrer Bemühungen an - den Meisterbrief. Eigentlich hängt er an einer Wand im Wohnzimmer. Am Tisch hingegen haben sich die beiden auf die Prüfung vorbereitet. - © Stefan Boscher
Der Motor und sein Schmieröl: Ümmühan Özgen und Hans-Jürgen Engel sehen sich das Ergebnis ihrer Bemühungen an - den Meisterbrief. Eigentlich hängt er an einer Wand im Wohnzimmer. Am Tisch hingegen haben sich die beiden auf die Prüfung vorbereitet. | © Stefan Boscher

Bünde/Kirchlengern Produktionshelferin hat mit 49 Jahren Industriemeister gemacht

Die langjährige Produktionshelferin Ümmühan Özgen hat mit 49 Jahren ihren Industriemeisterbrief gemacht. Hans-Jürgen Engel half ihr dabei

Meiko Haselhorst

Bünde/Kirchlengern. 14 Jahre lang hatte sie Bauteile kontrolliert und verpackt. Doch wenn man so gestrickt ist wie Ümmühan Özgen, sucht man früher oder später eine neue Herausforderung - und genau die kam. Jetzt hat sie sie gemeistert, im wahrsten Sinne des Wortes. Der Beweis hängt seit einigen Monaten an der Wand ihres Wohnzimmers. "Und Schuld hat die Neue Westfälische", sagt Hans-Jürgen Engel und lacht. Der studierte Diplom-Ingenieur, mittlerweile Rentner, war für die 49-Jährige eine Art Nachhilfelehrer. Der Reihe nach: Zunächst ergriff die Firma Hettich, bis heute Özgens Arbeitgeber, die Initiative: "Langjährigen Mitarbeitern ohne Gesellenbrief wurde in einem Pilotprojekt angeboten, sich fachlich höher zu qualifizieren", erzählt die gebürtige Türkin. Sie nahm das Angebot an und absolvierte 2012 eine verkürzte Ausbildung zur Maschinen- und Anlagenführerin. "Da habe ich zum ersten Mal in meinem Leben gemerkt, dass ich gern lerne", sagt die Frau mit Hauptschlussabschluss, für die die Schule - und vor allem das Fach Mathe - in jungen Jahren eine einzige Quälerei gewesen war. "Jetzt war es anders, jetzt machte es Spaß."Ein eingespieltes Team Hans-Jürgen Engel war da schon an Bord. "Die deutsch-türkische Gesellschaft hatte über die NW Nachhilfelehrer für türkische Kinder gesucht - über ein paar Umwege bin ich bei Ümmühan gelandet", erzählt der 75-Jährige die Kurzfassung der Story. Die beiden wurden zum eingespielten Team. Der ganz große Wurf sollte aber erst noch folgen. "Nachdem ich meinen Fachbrief in der Tasche hatte, habe ich mich bei Hettich erkundigt, welche Weiterbildungsmöglichkeiten es gibt", schildert Özgen ihr Vorgehen. Als sie von der Möglichkeit hörte, in vier Monaten Vollzeit ihren Meister zu machen, war schnell klar: Das ist es. Moralische Unterstützung bekam sie von allen Seiten, vor allem von ihrer in Berlin studierenden Tochter Tugce. "Wir waren stolz", sagt auch Schwester Neslihan. Auch ihr Arbeitgeber hielt zu ihr. "Ich wurde für vier Monate freigestellt und durfte danach wieder in meinem Job anfangen", erzählt die 49-Jährige. Zunächst galt es jedoch, sich den Meisterbrief zu verdienen. Zusammen mit Hans-Jürgen Engel bereitete sich Özgen darauf vor - und wuchs über sich hinaus. "Ich ziehe meinen Hut vor dieser Willensstärke und diesem Fleiß", sagt der Bünder, der in dieser Zeit nach eigener Aussage selbst an seine Grenzen geriet. "Sie war der Motor, ich das Schmieröl. ,Ich will das, ich kann das?. Ich weiß nicht, wie oft sie das gesagt hat - faszinierend", sagt Engel und kratzt sich den silbrigen Bart.Eine von drei Frauen unter 200 Teilnehmern Die Schulung selbst fand an der Technischen Akademie in Hameln statt - Özgen zog dorthin und nahm sich auf eigene Kosten eine Wohnung. "Wenn ich irgendwas mache, konzentriere ich mich voll und ganz darauf", sagt sie. Dazu gehörte dann auch, dass sie in der Rattenfängerstadt über Flohmärkte schlenderte, alte Haushaltsgeräte wie eine Kreiselpumpe kaufte, sie in ihrer Übergangswohnung komplett zerlegte, wieder zusammenbaute und Montage- und Demontagepläne dafür schrieb. Vier Monate lang beschäftigte sich Özgen als eine von drei Frauen unter 200 Teilnehmern mit Betriebswirtschaftslehre, Recht, Qualitätsmanagement, "Berücksichtigung von naturwissenschaftlichen und technischen Gesetzmäßigkeiten" und anderen bizarren Fächern. Das Ende ist bekannt - seit September hängt der Meisterbrief an der Wand. Zurzeit arbeitet Özgen noch in ihrem alten Job. Sie kann sich aber vorstellen, bei Hettich dereinst eine Meisterstelle anzutreten. Wer 49 Jahre gewartet hat, muss jetzt nichts überstürzen. Ohne ihren Nachhilfelehrer mit dem bezeichnenden Namen "Engel" - da ist sich Özgen sicher - hätte die Sache nie geklappt: "Ich war in Mathe ein leeres Blatt - aber dank Hans-Jürgen kann ich jetzt problemlos die Leistung eines Dreiphasen-Wechselstrommotors berechnen", sagt Özgen. Laien unter ihren Gesprächspartnern wird schon beim Namen des Gerätes schwindelig.

realisiert durch evolver group